Es ist schon lange hell, die Hitze kriecht bereits zum Fenster hinein. Ich sollte längst unterwegs sein, denn es ist noch weit in die bulgarische Hauptstadt Sofia zu meiner Liebe. Ich befinde mich in Budapest, wohin ich mit einem Billigzugticket und im Auto meines Freundes Max gelangt bin. Nun beginnt der eigentliche Teil der Reise, den ich mit erhobenem Daumen zu bestreiten plane.
Tag 1: Budapest-Timisoara
Reichlich gerädert schäle ich mich aus dem Sofa und packe mein Säcklein. Das gestern noch überraschend besuchte Sziget-Festival steckt mir in den Knochen; zum Glück hat Max mein Trommeln auf Mülltonnen mit ein paar Ungarn bei Zeiten unterbunden.
Ich erstehe ein paar leckere Gebäckkugeln am Bahnhof, während auf den Bahnsteigen alte Männer Schach spielen. Die S-Bahn bringt mich in den tiefen Süden der Stadt, wo alles noch sehr kommunistisch anmutet. Ein netter Scientologe erklärt mir den Weg zur Autobahn entlang kleiner rustikaler Häuschen am Waldrand. Nach 30 Minuten Fußmarsch angekommen, recke ich meinen Daumen und das ‚Szeged’-Schild aus Pappe in die Höhe. Und tatsächlich nimmt mich bereits der siebte Wagen mit. Es ist Kristof aus Budapest, der für die Telekom arbeitet und fast bis Szeged fährt. Im Laufe der Fahrt erfahre ich, dass er sich gerade von seiner Freundin getrennt hat und daher nun auf dem Weg zu einem Freund ist, um sich gar schauerlich zu betrinken. Er scheint nett zu sein, aber die Sprachbarriere steht uns im Weg.
Kurz vor Szeged, der östlichsten Stadt Ungarns, lässt mich Kristof an einer Raststätte raus. Es ist unglaublich heiss, die Sonne steht jetzt im Zenith. Ich kaufe mir Kaffee und Wasser und platziere mich im stecknadelgroßen Schatten eines winzigen Baums. Mein neues Schild sagt ‚Timisoara’, jedoch habe ich keinen Schimmer, wie sich die rumänische Stadt eigentlich ausspricht.
Zunächst sieht es so aus, als würde hier gar nichts passieren, die Raststätte ist nicht sehr belebt. Dann steigen zwei zwielichtige Trucker in ihre staubigen Gefährte. Der eine schreit etwas zu mir rüber. Wirken seine Gesten auf mich zunächst eher aggressiv, so merke ich doch aus der Nähe, dass sie eigentlich nett gemeint sind. Mir wird klar, dass ich ab hier grundsätzlich umdenken muss. Körpersprache ist regional geprägt.
Ich klettere in die Kabine des Iveco Trucks, obwohl der Fahrer nach Arad fährt, das nicht auf meiner Route liegt. Gabriel kann kaum glauben, dass ich bis Sofia trampen will und lacht sich halb tot, wobei er mir ein paar ordentliche Zahnlücken präsentiert.
Schon nach wenigen Kilometern erreichen wir die Grenze. Obwohl Rumänien in der EU ist, kontrolliert man sorgsam unsere Pässe. Gabriel erzählt dem Grenzpolizisten dabei aufgeregt, dass ich unterwegs nach Bulgarien bin und auch dieser schüttelt freudig den Kopf.
Die Autobahn endet direkt hinter der Grenze, ab jetzt wird es bis nach Sofia nur noch Landstrassen geben. Auf den ersten Blick wirkt hier alles auf gewisse Weise ehrlicher. Die Autos sind ungewaschen und staubig, die Bäume alt und knorrig, auch die Strassen haben schon bessere Zeiten gesehen. So sehr man sich auch dagegen wehrt, ist und bleibt Rumänien ein Land voller unvorteilhafter Assoziationen. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mir ein eigenes Bild mache.
Da wir auf nur einer Spur unterwegs sind, kommt es dauernd zu Staus. Mit offenen Fenstern stehen wir dann in der Schlange aus staubigen LKW und ein paar PKW. Viele PKW haben italienische Kennzeichen, aber auch Deutsche sieht man ein paar. Mein Blick nach draußen schweift durch einen Schleier aus Kruzifixen und Jesus-Anhängern, die an Gabriels Rückspiegel baumeln.
Die Situation im Fahrerhaus ist interessant. Obwohl wir einander kaum verstehen, herrscht doch eine sehr ausgelassene Stimmung. Gabriel bleckt eigentlich ständig lächelnd seine fehlenden Zähne. Immer wieder aufs Neue möchte er einen Blick auf meine ausgedruckte GoogleMaps-Karte werfen, die mir zugleich als einziger Anhaltspunkt auf dem Weg nach Südosten sowie als Notizblock dient. Mehrere Teilstücke der schwarz markierten Route ersetzt er mit einem neongrünen Filzstift durch alternative Striche. Dabei schüttelt er energisch den Kopf. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche, und das will er mir zeigen. Aus dem Radio plärrt arabisch anmutende Chalga-Musik.
In einer ruhigen Minute erinnere ich mich daran, dass das ungarische Dreher Bier Max und mir letzte Nacht doch einigermassen zugesetzt hat. Ewiges Verlaufen in Budapest und dazwischen ein scharfes Essen sowie eine russische Junggesellinenabschiedsgesellschaft, die uns die Etiketten aus unseren Unterhosen schneidet, wabern durch meine Erinnerung. Mit Händen und Füssen versuche ich Gabriel von meinen Erlebnissen zu berichten. „Beer?!“ Sein Gesicht hellt sich gleich noch mehr auf, er schnalzt mit der Zunge. Als wir kurz darauf wieder stillstehen, springt er unvermittelt aus dem Wagen und lässt mich alleine zurück. Als ich mich schon frage, ob ich nun vielleicht die Verantwortung für einen LKW voller Schmuggelware übernehmen muss, kommt er mit einer eiskalten Dose Beck's zurück in die Kabine. Stolz überreicht er sie mir und sagt: „Present!“ Ich bin gerührt und befeuchte sogleich meine trockene Kehle.
Gabriel kennt am Strassenrand jeden, die Souvenirverkäufer genauso wie den alten Mann mit dem improvisierten Stand, an dem er Jesusamulette feilbietet. Überall wird gehandelt; in den Dörfern sitzen hutzelige alte Frauen und versuchen, ihr Gemüse an den Mann zu bringen. Dauernd sehe ich Männer, die ihre T-Shirts hochgerollt und so ihre Bäuche entblösst haben. Offenbar ist das die rumänische Art und Weise mit der Hitze umzugehen.
An einer staubigen Kreuzung lasse ich Gabriel nach einigen Stunden ziehen und wir schütteln uns zum Abschied freundschaftlich die Hand. Die Leute an der nebenan liegenden Tankstelle sind sehr abweisend, rundherum ist nichts, und ich beginne mich etwas unwohl zu fühlen. Es kann aber auch einfach daran liegen, dass es hier keine Möglichkeit der Verständigung gibt. Niemand spricht Englisch. Zwar kann ich im Rumänischen im Gegensatz zum Ungarischen doch einiges verstehen, aber um etwas zu sagen, reicht es bei weitem nicht aus.
Von hier sind es nur noch 50 Kilometer bis Timisoara, wo ich die Nacht verbringen will. Es geht gegen Abend, ich sollte mich beeilen. Mein Schild ist zwar ein bißchen verschmiert und zerknittert, aber man kann es noch lesen. Nach zehn Minuten an der trostlosen Kreuzung stoppt abrupt ein Golf 1, der offensichtlich auf dem letzten Loch pfeift. Am Steuer sitzt ein Hüne, dessen stahlblaue Augen starr geradeaus schauen. Ich sage fragend „Timisoara“, er nickt ungeduldig. Mit einem nur halb guten Gefühl gleite ich in den zerschlissenen Sitz. Dann schiesst er los. Der etwa 50-Jährige rast wie ein Irrer, und immer wieder nimmt er Abkürzungen mitten durch die recht hässliche Stadt Arad. Mehrfach erwarte ich, dass er demnächst in einer ruhigen Ecke anhält und mir meine Wertsachen abnimmt. Ich bin darauf vorbereitet. Neben einem alten Handy und einer Digitalkamera der ersten Generation habe ich nur etwa 100 Euro Cash bei mir. Meine 3 Sätze durchgeschwitzter Klamotten und die Ukulele wird er mir ja wohl lassen.
Der Fahrer spricht kein Wort, stattdessen quält er den VW und raucht dabei Kette. Raucht er gerade mal nicht, hustet er sich die Lunge aus dem Hals. Ich weiß nicht genau, was ich von dem Typen halten soll und bin auf der Hut. Doch als er in einem Vorort plötzlich einen großen Bogen um eine Taube auf der Strasse fährt, denke ich mir, dass er doch kein so schlechter Mensch sein kann, und entspanne mich.
Auf der kurvigen und hügeligen Strasse nach Timisoara liegen zwei totgefahrene Welpen. Jeder Wagen fährt zu schnell, wo wollen sie nur alle so eilig hin? Das Tempo der Autos steht im krassen Gegensatz zur Geschwindigkeit des Lebens am Strassenrand. In den Kurven schlagen die Stoßdämpfer des alten Golf bis in die Radkästen durch.
Nach einer knappen Stunde lässt mich der Fahrer am Ostbahnhof von Timisoara raus, ohne dabei viele Worte zu verlieren. Ich drücke ihm 5 Euro in die Hand, da ich gelesen habe, dass man in Rumänien fürs Trampen bezahlt. Tatsächlich gibt er mir ein paar rumänische Scheine zurück, da er meine Bezahlung offenbar für zu viel hält. Dann gibt er wieder Vollgas und verschwindet im Betonmeer.
Dies ist keine schöne Ecke von Timisoara. Plattenbauten, Obdachlose und verfilzte Hunde, wohin das Auge blickt - hoffentlich sieht es hier nicht überall so aus. Die Hitze hat alles in zusätzliche Lethargie getaucht. Ich tausche meine letzten Forinth in die rumänische Währung Lei und nehme zögerlich ein Taxi in die Innenstadt. Und schlagartig verändert sich mal wieder alles. Der Fahrer spricht gutes Englisch, lächelt viel und die Fahrt kostet mich fast nichts. Als wir dann die sehr hübsche Innenstadt durchqueren, versöhne ich mich mit Timisoara und den Rumänen.
Ich checke ein in einem netten kleinen Hostel, das erst im Juni eröffnet hat. Der Betreiber hat Tipps für jede Lebenslage und erzählt mir, dass das Hostel-Konzept noch sehr neu ist in Rumänien, und er sich mit den zwei Zimmern einen persönlichen Traum erfüllt hat. Ich dusche kurz Staub und Schweiss ab, dann schlendere ich durch die entzückende Stadt, in der, wie mir nicht bewusst war, die rumänische Revolution 1989 ihren Anfang nahm. Timisoara mutet mediterran an. Tolle alte Häuser, bei denen die Farbe abblättert, wild wuchernde Parks; junge Menschen spielen im Kolonial-Ambiente Tennis in der Abenddämmerung. Auf einem grossen offenen Platz, umringt von malerischen Bauten, trinke ich ein ungefiltertes Bier, schaue hübschen Mädchen hinterher und lausche den Klängen eines Panflötisten, der im Rahmen eines Kulturfestivals auftritt. Hier trifft man sich und beschliesst den Tag, es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Dann esse ich auf einer Dachterrasse ein sehr leckeres Essen mit viel Käse. Die Rumänen, die ich treffe, sind allesamt sehr nett und einige sprechen eher deutsch als englisch. Alles, was ich bisher auf Rumänisch gelernt habe ist ‚Salud’ - Hallo.
Zurück im Hostel schenke ich einem Belgier mit einem außergewöhnlichem Namen meine ungarischen Münzen; er ist in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Die Tatsache, dass ich seinen Namen bereits nach ein paar Minuten wieder vergessen habe, hält mich nicht davon ab, mit ihm in den darauffolgenden Stunden einige kalte Timisoreana Biere zu leeren. Gemeinsam ziehen wir durch die noch immer sommerlich warme Nacht. Die Stadt duftet und wirkt völlig friedlich, abgesehen vielleicht von den immer wieder vorbeijagenden getuneten Autos der Jugendlichen. Zunächst gehen wir runter an den Fluss in eine Bar, in der sonst rumänische Comedians auftreten. Dann lasse ich mich der Erschöpfung zum Trotz noch zu einem Club überreden. Dieser befindet sich in einer Art Weinkeller und die Leute feiern bereits ausgelassen, als wir ankommen. Gute und sehr schlechte Songs wechseln sich ab, es wird getanzt und geprostet. Unangenehm ist, dass der Belgier und ich offenbar ständig für schwul gehalten werden. Ein echter südosteuropäischer Mann hat kurze bis keine Haare, ordentlich Muskeln am Körper und tanzt eher nicht. Wir entsprechen diesem Idealbild nicht so ganz. Mein Begleiter hat eine Art Afro auf dem Kopf, ein Designershirt und spitze Schuhe an. Ich schwinge meine Hüfte und meine Matte hängt mir ins Gesicht. Und leider herrscht hier im Südosten eine ausgeprägte Homophobie. Der Belgier ist seit zwei Monaten in einem alten Auto unterwegs durch Osteuropa und erzählt von andere Erfahrungen dieser Art. Ein Freund hat ihm schon im Vorfeld der Reise dazu geraten, die Ukraine besser ganz auszusparen, da er dort alleine wegen seines Haarschnitts aufs Maul bekommen werde.
Das Timisoreana mundet noch eine Weile, aber dann ist es wohl an der Zeit zu gehen. Die Schwulenhasser werden immer betrunkener und ich habe morgen ohnehin noch einige Kilometer vor mir. Selig schlafe ich im Stockbett meines Achtbettzimmers bei offenen Fenstern ein, im Bett neben mir schnarcht bereits eine Chinesin.
Tag 2: Timisoara-Sofia
Ich beginne den Tag auf ein Neues völlig übernächtigt, doch ich muss dem Wecker Folge leisten. Als ein französisches Pärchen sich direkt vor mir im einzigen Bad einschliesst, checke ich spaßeshalber noch mal kurz GoogleMaps auf dem Hostelcomputer. Bis Sofia sind es noch immer satte 500 Kilometer und es ist schon nach zehn. Energisch behaupte ich meinen Platz in der Badschlange gegen die forsche Chinesin, dann marschiere ich ins Zentrum. Es ist Sonntag und die Leute pilgern zum Gottesdienst in die rumänisch-orthodoxe Kathedrale, die an die Istanbuler Hagia Sophia erinnert. Vor der hübschen Kirche verkauft man duftendes Popcorn. Der Tag entfaltet sich und gibt deutlich zu verstehen, dass er wieder ein sehr heisser zu werden beabsichtigt.
Ich vertilge neben einem schlafenden Stadtstreicher zwei klebrig-süße Brezeln und einen starken Kaffee. Ein Blick auf meine Karte und die sonntäglich leeren Strassen sagt mir, dass ich von hier aus wohl nicht weg kommen werde. Laufen bis an die südliche Stadtgrenze würde mich jedoch zu viel Zeit kosten. Also suche ich einen Taxifahrer und sage mit viel Körpereinsatz ''Autostop, Bulgaria''. Er nickt und schon jagen wir für ein paar Lei durch die verschlafene Stadt. Der Fahrer spricht Englisch und erzählt mir stolz, dass er früher professioneller Wasserpolospieler war und mit seiner Mannschaft noch vor der Wende bei einem Turnier in Ostberlin teilgenommen hat.
Er lässt mich raus an einer von Plattenbauten umgebenen Ecke. Zur Einschätzung der Lage lasse ich meinen Blick rundum und in die Gesichter der Leute schweifen. Es ist zwar heruntergekommen hier, aber gefährlich wirkt es nicht. Diesmal habe ich kein Schild, denn ich will einfach erst mal in die richtige Richtung - Südosten. Schon bald hält ein blauer Lieferwagen und ich habe Glück: Flori fährt bis nach Drugeta Turnu Severin, das viel weiter südlich liegt als mein erstes Etappenziel.
Der sympathische Rumäne kommt gerade direkt aus England. Bis zu sieben mal im Monat fährt er die Strecke Bukarest-Manchester, sein Kilometerzähler steht auf unglaublichen 1.600.000! In seinem Beruf als Feuerwehrmann verdient er heutzutage gerade einmal 300 Euro im Monat, mit diesem Job macht er 300 pro Fahrt. Seine Frau ist arbeitslos und das Geld reicht gerade so. Flori sagt, dass unter Ceaucescu alles besser war, obwohl er das mit seinen 32 Jahren eigentlich gar nicht wirklich wissen kann. Die Felder seien bestellt gewesen, die Fabriken alle in Betrieb. „Und jetzt?“, fragt er mich mit einer theatralischen Geste nach draußen. „Nichts.“ Und da zumindest hat er nicht ganz Unrecht. Alle Fabriken, die wir passieren, stehen leer und sind am Verfallen. Viele Felder liegen brach. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass hier alles Leben stillzustehen scheint.
Auch Polizisten verdienen nur 400 Euro monatlich, erzählt mir Flori mit Blick auf zwei grimmig dreinschauende Cops am Straßenrand. Daher halten sie überall wahllos Autos an und verlangen Geld für nicht erfolgte Verkehrsverstöße. Alles ist korrupt. Damit reiht sich Flori in die Aussagen jener Leute ein, mit denen ich in Ungarn und vor ein paar Jahren in Bulgarien gesprochen habe.
Wir halten kurz und holen Getränke an einem Kiosk. Ungefragt kauft mir Flori eine Rolle Kekse, mir, den er sowieso schon umsonst mitnimmt. Das ist osteuropäische Gastfreundschaft, von der man sich in Deutschland wirklich eine Scheibe abschneiden kann.
Mit vergnüglichem Blick fährt auch er viel zu schnell, aber das machen offenbar alle so. Dabei zeigt er mir immer wieder Kreuze von Verunglückten am Strassenrand und schiebt es auf die schlechte Qualität der Strassen. Ein befreundeter Trucker gibt ihm übers Funkgerät durch, dass es auf der Strecke keine Polizisten gibt. Also gibt er dem Sprinter die Sporen. Er hat mir nicht gesagt, was er transportiert, nur, dass es 2000 Kilo davon sind. In den Kurven geht der Mercedes ganz schön in die Knie.
In der Ferne leuchten die Karpaten. Flori erzählt von giftigen Schlangen dort. Ich sage etwas über Dracula und wir lachen. Es ist erstaunlich, wie sehr Lachen Menschen verbinden kann, auch wenn sie einander kaum verstehen.
Wir erreichen die Berge und fahren auf Serpentinen durch malerische Landschaften. In den Dörfern leben die Menschen zum Teil noch wie vor Jahrzehnten, mehrfach müssen wir Gypsies in Pferdewagen überholen.
Nach knapp drei Stunden Fahrt kehren wir in Floris Lieblingsgaststätte ein. Es gibt Suppe mit Joghurt und frischen Chillis, danach frittierten Fisch mit Pommes. Ich lade ihn natürlich ein, das bin ich ihm schuldig. Dann trinke ich ein herbes Ursus, damit ich auch hier das lokale Bier kenne. Bei diesen Temperaturen trinkt sich ein Bier in wenigen Schlucken.
Draußen fischt mir Flori ein Stück Pappe aus dem Mülleimer und ich schreibe Sofia in lateinischen auf die eine und in kyrillischen Buchstaben auf die andere Seite. Sein Daumen und seine Mundwinkel zeigen nach oben.
Nur kurze Zeit später halten wir an einem skurrilen Cafe mit Waschanlage, wo sich eine ganze Horde zwielichtiger Gestalten tummelt. Auch dieser Stop ist auf Floris Route obligatorisch. Denn hier versucht er stets an einem Geldautomaten sein Glück. Leider verliert er diesmal jedoch etwa 15 Euro. An seiner guten Laune kann das aber nichts ändern.
Nach weiteren Kilometern auf Bergstrassen gelangen wir an den mächtigen Donau-Stausee, dann geht es immer entlang der Donau, die das gleißende Sonnenlicht magisch widerspiegelt und die rumänische Grenze bildet. Am Wegesrand ziehen klapprige Dacias und heruntergekommene Häuser vorbei. Kinder planschen im riesigen Fluß, alte Männer angeln gleich nebenan.
Flori lässt mich raus an einem modernen Einkaufscenter. Dort warten noch weitere Tramper allen Alters, in Rumänien ist diese Art der Fortbewegung völlig normal. Als man mein Schild sieht, lacht man mich jedoch freundschaftlich aus und klopft mir auf die Schulter. Jemand sagt mir, dass ich erst mal nach Calafat muss und ein gutgekleideter alter Mann mit der Aura eines Professors stimmt in den Calafat-Chor ein. Das steht zwar nicht auf meiner Landkarte, aber ich vertraue den freundlichen Leuten. Im Supermarkt besorge ich mir ein neues Stück Pappe und eine grosse Flasche Wasser. Ich muss bereits 4 Liter getrunken haben heute, die trockene Hitze laugt einen förmlich aus.
Als ich wieder rauskomme, steigt der Professor gerade in ein Auto. Er entdeckt mich und winkt mich eilig heran. „Calafat!“, ruft er freudig. Das Schild kann ich mir sparen.
Ich versuche mit dem Fahrer und dem Professor zu kommunizieren, aber das geht nur in Schlagworten auf verschiedenen Sprachen. Fahrer: „Sofia?“ Ich: „Da.“ Fahrer: „Tourist?“ Ich: „Da.“ Fahrer: „Priatel, Sofia?“ Ich: „Da.“ Fahrer: „Danke schön!“
Der Professor steigt schon bald aus, wir setzen unseren Weg durch weite Landschaften zu zweit fort. Der Sohn des Fahrers fährt seltsamerweise in einem anderen Wagen hinter uns her. Man muss hier ja auch nicht alles verstehen.
Der Fahrer kauft Melonen am Strassenrand bei einer Frau, die diese in einem alten Planwagen feilbietet. Freundlich drängt er mich dazu, auch eine zu kaufen und der Höflichkeit halber gebe ich schnell nach. In der Ferne schimmert die Donau, dahinter liegt Serbien.
In Calafat angekommen sagt mein Fahrer unvermittelt „Finish“ und da stehe ich dann. Ich laufe in die angegebene Richtung durch das völlig verschlafene Dorf im Glauben, dort eine Abzweigung in Richtung Bulgarien zu finden. Da spricht mich ein seltsamer Typ aus einem Hauseingang mit ‚Amigo’ an und winkt mich zu sich. Das heisst selten etwas Gutes. Aber ich wäge die Risiken ab und folge ihm dann. Und tatsächlich bringt er mich nur runter zum Fluss, grüsst dort noch schnell höflich und verschwindet wieder.
Schlagartig wird mir klar, dass ich die Grenze auf dem Wasserweg überqueren werde. Ich zeige noch schnell einem Grenzpolizisten meinen Ausweis und springe dann als Letzter auf die Donau-Fähre. Mit an Bord: Ein paar Trucker, eine Handvoll Touristen und einige Autos mit deutschen Ausfuhrkennzeichen. Ich bin der Einzige ohne Fahrzeug.
Neben der Bootsstrecke baut man gerade eine Brücke über die Donau. Wie ich später erfahre, gibt es bis dato nur eine einzige Brücke, die Rumänien und Bulgarien miteinander verbindet, und diese ist knapp 300 Kilometer entfernt.
Auf der anderen Seite angekommen, bin ich zuversichtlich, dass mich einer der Leute vom Boot mitnimmt. Doch einer nach dem Anderen fährt stoisch an mir vorbei. Also passiere ich zu Fuß die Grenzkontrolle und tausche mein Geld in bulgarische Leva.
Obwohl es bereits 18 Uhr ist, scheint es nicht kälter zu werden. Mit meinem Gepäck, meinem Schild und der Honigmelone in den Händen mache ich mich auf in Richtung Hauptstrasse oder dessen, was ich für die Hauptstrasse halte. Als ich dort nach einer Stunde schweisstriefend ankomme, merke ich, dass auch hier fast niemand fährt. Erst nach einer knappen erfolglosen Stunde verstehe ich, dass es momentan eine Umleitung geben muss. Die einzige Option ist weiterzulaufen, da ich hier in der Wildnis um die Stadt Vidin wirklich nicht den Einbruch der Dunkelheit erleben möchte. Ich wandere eine kleine Ewigkeit. Seit Stunden habe ich nichts gegessen, zum Glück finde ich in meinem Rucksack noch ein paar Kekse von Flori, die Melone soll ein Gastgeschenk werden.
Um mich herum gibt es nichts außer weiten Feldern, der grossen industriellen Stadt am Horizont und ein paar wilden Hunden. Als ich plötzlich Schüsse höre, sehe ich schon kurz darauf zwei bärige Typen mit Gewehren aus dem Unterholz kriechen. Sie grüßen freundlich, offenbar schiessen sie auf die Hunde. Nicht der richtige Zeitpunkt, um sie dafür zu kritisieren...
Endlich erreiche ich eine Tankstelle. Mein neuer Plan ist, es hier noch bis zur Dämmerung zu probieren. Sollte das nicht klappen, muss ich wohl in Vidin übernachten, das aus der Ferne wie aus einem düsteren Orson Wells Roman wirkt.
Doch kaum habe ich mir ein Zagorka Bier aufgemacht, um meine Ankunft in Bulgarien wenigstens gebührend zu würdigen, hält neben mir im Staub Peter, ein junger Heavy Metaller in einem dunklen Kombi. Er fährt tatsächlich bis nach Sofia. Stinkend, erschöpft und glücklich lasse ich mich auf den Beifahrersitz sinken. Im Radio spielt eine Kassette von Iron Maiden.
Wir fahren knapp 3 Stunden durch romantische Berglandschaften, winzige verschlafene Dörfer und dichte Wälder. Lange begegnen wir fast keinem anderen Auto, dafür Füchsen, wilden Hunden und Kindern auf unbeleuchteten Fahrrädern. Nach einer Weile entlädt sich die Hitze des Tages in einem gewaltigen Wolkenbruch. Mit der untergehenden Sonne über den wogenden Wiesen und dem Duft des nassgewordenen Waldes in der Nase fühle ich mich wie in einem verwunschenen Märchenland. Peter steuert den Mazda schnell, aber sicher über die löchrigen Strassen. Immer mal wieder versuchen wir uns an einer Konversation, aber weder sein Englisch noch mein Bulgarisch geben genug her. Und ich kann meine Augen kaum mehr offen halten.
Dann endlich taucht am Fusse der Berge das große Sofia auf. Längst ist es dunkel geworden. Mit dem Flugzeug dauert die Strecke Berlin-Sofia keine zwei Stunden, ich habe für die 1800 Kilometer nun zusammengenommen 37 Stunden gebraucht.
Marco Buch - 19. Sep, 16:27
Oh nein! Schon wieder ein Schlagloch, das ich übersehen habe. Auf ein Neues fliegt der gerade erst genesene braune Hund bis fast an die Decke seines rollenden Käfigs, der hinten an meinem Moped befestigt ist. Ich bremse ab und versichere mich, dass es ihm trotz allem gut geht. Beim Frühstück vor einer Stunde habe ich noch nicht geahnt, wie schnell ich in diese Arbeit involviert würde; manchmal hat das Leben wirklich Überraschungen auf Lager.
Ich habe mich entschieden, einen Tag als Helfer im Phangan Animal Care (PAC) mitzuarbeiten, einer Organisation, die sich ehrenamtlich um die Tiere auf der thailändischen Insel Ko Pha Ngan kümmert. Mein Timing hat mich einmal mehr nicht im Stich gelassen. Als ich um kurz vor zehn ankomme, brennt der Laden und die freiwillige Helferin, die sich eigentlich für heute angekündigt hat, ist nicht aufgetaucht. Ich werde kurzerhand zur rechten Hand von Chefin Por ernannt, die sich seit 9 Jahren in Vollzeit für PAC aufopfert.
Während sie die Vorbereitungen für die heutige Tour über die Insel trifft, führt mich die Engländerin Giorgina, die 6 Monate lang für PAC arbeitet und sich hauptsächlich um Administratives kümmert, durch die kleine Anlage. Die etwa 500 Quadratmeter sind zum Teil überdacht und mit Käfigen sowie ein paar Freigehegen ausgestattet. Dazu gibt es eine Küche, zwei Büros und einen improvisierten Operationsraum. Momentan halten sich auf dem Gelände 9 Hunde und 4 Katzen auf. Giorgina erklärt mir jedoch, dass man alles daransetzt, die Tiere so kurz wie eben möglich hier zu behalten, da zum Einen die Mittel für den Unterhalt fehlen, zum anderen die Nachbarn sich des Öfteren wegen der nächtlichen Bellerei beschweren. Denn allesamt sind diese Tiere die Freiheit gewöhnt und keine engen Zwinger.
Giorgina ist besonders Angel ans Herz gewachsen, eine junge Hündin, die an einen Außerirdischen erinnert, da sie fast kein Haar am hageren Körper trägt. Den Namen Angel hat sie sich in den letzten Wochen selbst verdient durch ihre fast schon wundersame Genesung. Als man sie auf der Straße fand, wog sie gerade noch 4 Kilo und drohte zu sterben. Auch wenn es jetzt noch immer fast unmöglich ist, an dem kleinen grauen Gerippe eine Vene für die nach wie vor nötigen Injektionen zu finden, ist Angel doch mittlerweile über den Berg. Sie wirkt ausgelassen und verspielt und, bevor ich mit ihr balge, habe ich mich noch schnell versichert, dass diese Hautkrankheit für Menschen nicht ansteckend ist.
Nachdem Giorgina mir gezeigt hat, wo alles aufbewahrt wird, fülle ich sämtliche Wasserschalen noch mal auf, spüle Fressnäpfe und spiele kurz mit dem dreibeinigen Kater, den die Hunde einvernehmlich zu dulden scheinen. Dann geht es los.
Dass ich wie sie ein uraltes Moped mit Kickstarter fahre, hat Por überzeugt. Sofort hat sie mein Moped mit ihrem vertauscht und mich gebeten, dieses klapprige Gefährt für heute zu übernehmen. Das Fahren mit Anhänger zehrt an den Kräften und sie hat so viel um die Ohren, dass ihr jede noch so kleine Entlastung entgegen kommt. Und so manövriere ich nun behutsam das Gespann quer über die bildhübsche tropische Insel, der Käfigwagen ist mit einer dünnen Schraube hinten am Moped befestigt.
Mein erster Passagier ist eine Hundedame, die wir zurück zu jenem Ort bringen wollen, wo sie von Por und ihren Leuten vor ein paar Tagen aufgelesen wurde. Denn PAC kümmert sich nur selten um Hunde von Privatleuten, sondern vornehmlich um Strassenhunde, denen hier sonst niemand hilft. Die Hündin hat nicht sonderlich viel Spaß an der zwanzigminütigen Fahrt; die uns immer wieder für kurze Strecken verfolgenden Artgenossen am Wegesrand machen das Ganze für sie zu einem wahren Spießrutenlauf. Doch sie wirkt gesund, nur noch eine große Narbe im Genick zeugt von der massive Bisswunde, die Pors Leute zusammengenäht haben. Zudem ist sie jetzt auch noch gegen Tollwut geimpft und sterilisiert, das Leben auf der Straße kann also weitergehen.
Als wir sie an ihrem Heimatort in die Freiheit entlassen, ist das zwar ein schöner Moment, jedoch darf man von einem Hund natürlich keine Lobreden dafür erwarten, dass man ihm das Leben gerettet hat. Entsprechend kühl gibt Por der Hündin einen letzten Klaps auf den Hintern, bevor diese die Spur ihres Rudels aufnimmt und, die Nase stets knapp über dem Boden, trabend in einem Feldweg verschwindet. Por sagt, dass manchmal schon eine Woche Abwesenheit ausreicht, damit das Tier von seinem Rudel verstossen wird. Das kann dann durchaus das Ende bedeuten, da die Hunde die komplette Insel in Reviere aufgeteilt haben, die besonders nachts heftig umkämpft werden. Ich kann sehen, dass Por der Hündin in Gedanken Glück wünscht.
Wir machen noch schnell den Anhänger sauber, das verängstigte Tier hat während der kurzen Fahrt alles vollgemacht. Dann haben wir bereits eine neue Mission. Por hat auf dem Hinweg aus dem Augenwinkel schon einen weiteren Kandidaten für eine Behandlung bei PAC gesehen. Ihre Ferndiagnose: Demodex, jener Hautparasit, wie er sie hier in unterschiedlicher Ausprägung fast alle Hunde plagt, und der auch den Wunderhund Angel fast zugrunde gerichtet hätte. Die meisten Tiere leben damit ganz gut, kratzen müssen sie sich bei all den Insekten ohnehin andauernd. Ist das Immunsystem aber schwach, verliert der Hund nach und nach immer mehr von seinem Fell und die Haut bekommt überall Risse, die sich dann im feuchtwarmen Klima schnell entzünden.
Wir stoppen an jener Stelle, wo Por den Hund auf der Hinfahrt gesichtet hat und fragen ein paar Anwohner nach seinem Aufenthaltsort. Alle scheinen den Hund zu kennen, den wir suchen, und man schickt uns in verschiedene Gassen und Hinterhöfe. Doch auch nach zwanzig Minuten können wir ihn nicht finden. Dafür erfahren wir von einer Frau, die einen Obststand an der Straße betreibt, dass das arme Geschöpf zusätzlich zu seinem Hautproblem gestern auch noch von einem Moped angefahren wurde und seitdem in seinem Gesicht eine blutende Wunde hat. Por hinterlässt eine Karte mit ihrer Nummer für den Fall, dass der Hund wieder auftaucht, und wir fahren unverrichteter Dinge zurück in Richtung der Hafenstadt Thongsala.
Wir stoppen bei einer Garküche am Straßenrand, um zu Mittag zu essen. Es gibt Larb, eine Spezialität aus dem Isaan, der ärmsten Region Thailands im Nordosten, wo Por aufgewachsen ist. Mittlerweile nennt die Enddreißigerin jedoch Ko Pha Ngan ihr Zuhause. Nachdem sie unter anderem als Kellnerin und Schmuckdesignerin gearbeitet hat, hat sie bei Panghan Animal Care vor knapp neun Jahren ihre Berufung gefunden. Sie bildet sich weiter, so gut der straffe Zeitplan es zulässt, und mittlerweile fungiert sie bei den durchschnittlich zwei mal die Woche stattfindenden chirurgischen Eingriffen als Oberschwester. Jedoch plagt sie stets die Angst vor einem Burnout, denn die Arbeit ist nie zu Ende und als Tierliebhaber gehen ihr manche Fälle auch emotional sehr nah. Hilfe bekommt sie manchmal von Touristen, manchmal von Leuten wie Giorgina, die sich für mehrere Monate ehrenamtlich verpflichten, und im besten Fall natürlich von ausgebildeten Tierärzten. Tatsächlich gibt es mehrere Leute, die immer wieder unentgeltlich einen oder mehrere Operationstage bei PAC einschieben, wenn sie eigentlich zur Erholung auf der Insel sind. So treffe ich etwa den spanischen Tierarzt Angel, der morgen eine Beinamputation bei einem Golden Retriever vornehmen wird.
Jedoch kann Por sich auf Unterstützung dieser Art nicht immer verlassen. Und trotz der zahlreichen Spendenboxen, die auf der ganzen Insel an belebten Orten aufgestellt sind, ist die Organisation stets knapp bei Kasse. Nicht genug damit, dass Tierfutter und Medikamente ohnehin schon teuer sind, alles muss auch erst noch vom Festland auf die Insel gebracht werden. Somit steht und fällt bei PAC alles mit den Sach- und Geldspenden der Touristen sowie der Handvoll einheimischer Unternehmen, die die Organisation unterstützen.
Nach dem leckeren Essen zeigt Por mir stolz den Hund, der gerade unter der Spüle döst, ein graues, scheues Tier. An der Wange hat er eine Narbe, in der noch die Fäden stecken, am Hinterlauf zeigt sie mir eine weitere. Und kastriert wurde er auch noch bei seinem letzten Aufenthalt in der ‚Klinik’, wie Por ihre kleine Anlage gerne liebevoll nennt, die sie komplett mit Spendengeldern finanziert hat. Erst vor zwei Wochen lag der Hund bei ihr unter dem Messer, sie scheint auf der Insel wirklich jeden Vierbeiner zu kennen.
Wir fahren zum Markt, wo ich allabendlich einen Hund sehe, dessen Körper von blutigen Rissen übersät ist. Auch ihn plagt der Parasit Demodex, der hier für die Hunde das größte gesundheiltiche Problem darstellt, seitdem die Regierung keine Giftköder mehr auslegt, um die Population zu begrenzen. Wir finden eine Menge Strassenhunde, die es sich zwischen den Essensständen und zum Teil mitten in der prallen Mittagssonne gemütlich gemacht haben, aber der schwarze Hund, den ich meine, bleibt unauffindbar. Da bekommt Por einen Anruf von den Frauen, denen sie vorhin ihre Nummer gegeben hat. Es geht also wieder auf der Küstenstrasse zurück in Richtung Südspitze der Insel.
Die Frauen, die an der Strasse in Cafes, Läden und Masagesalons arbeiten, haben das Hundchen bereits angeleint, als wir kommen, und übergeben uns das Tier, das zwar zögerlich zu wedeln beginnt, dennoch aber ein wahrlich trauriges Bild abgibt. Der komplette Kopf ist haarlos, genauso die Füße und weitere Stellen am Körper. An manchen Stellen ist die Haut schon eingerissen und entzündet. Unter dem linken Auge klafft eine tiefe Wunde vom Unfall mit dem Moped, die Wange ist blutverkrustet. Doch ohne Widerspruch lässt sich die Hündin von uns in den Anhänger stecken und wedelt auch dort noch freudig mit dem haarlosen Schwanz. Die Frauen haben extra noch Essen für sie eingepackt und geben uns das lächelnd mit auf den Weg. „Das ist das große Problem. Die Leute wollen ja eigentlich, dass es den Hunden gut geht. Trotzdem rufen sie nicht von sich aus bei uns an, wir müssen die Hunde meistens selbst entdecken“, beklagt Por, die sich dieses Phänomen selbst nicht ganz erklären kann. Denn auch wenn die Hunde niemandem offziell gehören, so sind sie doch fast alle Teil einer Thai-Familie oder werden zumindest von irgendwem gefüttert.
Wir bringen die junge Hündin zurück in das Gelände von PAC, das im Inneren der Insel idyllisch zwischen Hainen aus Kokospalmen und Kautschukbäumen liegt. Als wir sie reintragen, wird sie zunächst vom Welpen beäugt, der hier vor 4 Wochen mit ein paar hundert Gramm Gewicht und der Größe einer Handfläche abgegeben wurde und dafür jetzt doch ziemlich rund und fidel aussieht. Dann wirft auch der einzige Dauerbewohner Boogly, ein alter schwarzer Hund, dem vorne ein Fuß fehlt, kurz einen Blick auf den Neuzugang. Die restlichen Tiere bellen aus ihren Zwingern heraus. Die Hündin wird gewogen, dann macht Por verschiedene Notizen auf einem Din A4 Vordruck. Der Neuankömmling, der hier vorerst unter dem Namen ‚Bad Skin Dog’ läuft, lässt alles über sich ergehen.
Als wir fast fertig sind, trifft Stacy ein, eine amerikanische Tierärztin, die Panghan Animal Care bereits seit Wochen mit ihrer Arbeit unterstützt. Während ich die Hündin festhalte, was bei der schwächlichen Statur keine Leistung ist, misst Stacy rasch ihre Temperatur. Die arme Kreatur hat über 40 Grad Fieber. Dann kratzt Stacy an mehreren Stellen im Gesicht des Hundes mit einer Rasierklinge die Haut ab, um das Ganze unter dem Mikroskop zu begutachten. Wie erwartet findet sie die aggressiven Parasiten, die sich in den Haarwurzeln festsetzen, und dann nach und nach den Haarausfall und die Entzündungen hervorrufen. Die Wunde an der Wange ist auch recht tief. „Es sieht aus, als würden Tränen direkt aus der Wunde laufen“, konstatiert Stacy. Die Hündin bekommt ein paar Injektionen und Tabletten, dann sperre ich sie in einen der kleinen abgezäunten Gärten und bringe ihr Futter.
Nun brechen Por und ich ohne Anhänger auf. Auf ihrer Liste steht jetzt noch ein Hund, der offenbar eine bereits mit Maden besetzte Wunde am Kopf hat, und nahe der Polizeistation im Landesinneren gesichtet wurde. Sie hofft, dass es nicht so schlimm ist. Als wir ankommen, wissen wir ziemlich schnell, dass es das doch ist. See Nin, ein mittelgroßer schwarzer Thai-Hund, ist ein alter Bekannter bei PAC, den Por in den letzten Jahren schon mehrfach zusammengeflickt hat. Er liegt reglos unter einem Auto und sieht zunächst einmal so aus, als würde er gar nicht mehr leben. Als er dann schwerfällig unter dem Wagen hervorkriecht, muss ich mir die Hand vors Gesicht halten und mir wird etwas flau. Ihm fehlt eine komplette Seite des Gesichts, das Ohr ist nur noch ein toter Lappen Fleisch, der ihm eitrig herunterhängt. Die Maden kann man erst bei näherem Hinsehen erkennen, riechen aber kann man sie sofort. Offenbar ist er bereits vor Tagen angefahren worden, doch keiner der Polizisten befand es für nötig, das irgendwem zu melden. Por ist sehr sauer, besonders da See Nin fast ein Mitglied der Familie ist.
Der Hund zittert am ganzen Körper, als er Por erkennt. Er scheint zu spüren, dass ihm jetzt endlich jemand hilft. „Deshalb mache ich diesen Job“, sagt sie. „Weil ich die Tiere liebe und sie mich.“ Langsam erwacht See Nin aus seiner Lethargie und sieht eigentlich recht fit aus, wenn man ihm nicht gerade ins Gesicht schaut. Völlig unvermittelt fängt er dann jedoch an, den lädierten Kopf zu schütteln, und Maden, Schleim und Brocken fliegen nur so durch die Gegend. Ich schaffe es gerade noch mich umzudrehen, ohne jedoch die Leine loszulassen, die wir ihm kurzerhand über den Kopf gezogen haben.
In diesem Zustand müssen wir ihn nun doch mitnehmen, aber ohne Anhängr müssen wir umdenken. Por handelt schnell. Sie wickelt ein großes Handtuch um See Nin und hebt ihn vorsichtig hoch. Dann klettert sie hinter mir aufs Moped, ich fahre uns drei vorsichtig über die löchrigen Strassen. Tatsächlich kriegen wir den alten Hund auf diese Art und Weise zurück zum Hauptquartier.
Selbst Stacy verzieht bei unserer Ankunft angewidert das Gesicht, solche Sachen sieht sie selbst hier nicht jeden Tag. Doch See Nin wedelt mit dem Schwanz, als wüsste er gar nicht, warum alle Welt so besorgt schaut. Hechelnd entblösst der alte Hund seine letzten drei Zähne und möchte gestreichelt werden. Ich halte ihn fest und versuche, meinen Ekel zu überwinden. Am Schlimmsten ist es, wenn er sich alle paar Minuten wieder schüttelt, wir gehen dann allesamt in Deckung.
Por und Stacy geben See Nin Antibiotika und Schmerzmittel sowie Tabletten gegen die Maden. Dann säubern sie die riesige Wunde so gut es eben geht. Ich frage Stacy, ob See Nin alleine eine Überlebenschance hätte. „Nicht in diesem Klima“, sagt sie nüchtern. Sie erklärt mir, dass sie die Wunde trotz allem jetzt erst mal so lassen muss, wie sie ist. Wenn er sich dann in ein paar Tagen etwas erholt hat und die Entzündung zurückgegangen ist, werden sie ihm wahrscheinlich die Reste seines Ohrs entfernen und den Ohrkanal wieder freilegen, sollten sich die Maden bis dahin verzogen haben. Por rasiert See Nin das Fell rund um die Wunde und reinigt ihm sein linkes Auge, auf das die Infektion bereits übergegriffen hat. Der Hund lässt sich alles gefallen, nur ab und an gibt er durch ein eher quengelndes Jaulen zu verstehen, dass ihm etwas richtig wehtut. Mir ist ein Rätsel, wie er so überhaupt noch leben kann. Er hat nicht mal nennenswertes Fieber.
Als See Nin versorgt ist, mache ich ihm einen der Zwinger fertig und bringe ihm etwas zu essen. Bisher habe ich nicht geglaubt, dass Hunde Dankbarkeit zeigen können, doch er tut das ganz eindeutig. Ich kraule ihm die gesundes Seite seines Gesichts und atme dabei durch den Mund.
Gründlich wasche ich mir die Hände und widerstehe dem Wunsch, den süßen Welpen zu streicheln, der schon die ganze Zeit um alle anderen Hunde herumtollt. Er hat bereits mehrere andere Hunde sowie Giorgina mit einem Bandwurm angesteckt, und dieses Souvenir würde ich mir doch gerne ersparen.
Por wirkt nach all den Strapazen bei über 30 Grad und Dampfbad-Luftfeuchtigkeit nun etwas müde, doch gerade während wir See Nins Wunde verarztet haben, ist schon wieder ein Anruf reingekommen. Bei einem Resort am Strand, nicht weit vom PAC Hauptquartier, hat eine Touristin einen Hund mit einem geschwollenen Bein gesichtet. Por versichert mir, dass wir dort nur noch schnell vorbeifahren, bevor wir dann mein Moped abholen, das noch immer bei der Polizeistation steht.
Als wir am Strand ankommen, zeigt uns die Anruferin, eine vom Partyleben der Insel leicht gezeichnete Schweizerin den Patienten, einen großen schwarzen Brocken von Hund. Zwar hat er kein geschwollenes Bein, dafür aber ein rotes stinkendes Loch in der Mitte des Rückens, in dem bequem ein Tennisball Platz finden würde, und aus dem beharrlich kleine weiße Maden quellen. Bin ich zwar schockiert darüber, schon wieder so einen schweren Fall zu haben, trete ich dem Hund doch bereits deutlich gelassener gegenüber als gerade noch See Nin und stülpe ihm direkt die Leine über, damit er nicht mehr abhauen kann. Doch ihn können wir nun nicht auch noch ins Hauptquartier bringen, eigentlich sind nun schon 2 Hunde zu viel dort. Also behandelt Por ihn vor Ort aus ihrer großen Arzttasche, während ich ihn festhalte. Dieser Hund jedoch ist ein anderes Kaliber, er ist groß und stark und hat sogar noch alle Zähne im Mund.
Aber auch er scheint irgendwie zu verstehen, dass ihm geholfen wird. Er hält still und lässt sich rasieren und die nötigen Spritzen geben. Lediglich als Por ein Pulver in die zentimetertiefe Wunde giesst, welches die Maden herausholt, macht er klar, dass ihm das nun zu weit geht, und ich lasse die Leine lang. Wir entlassen ihn wieder in die Freiheit und geben der Schweizerin die Medikamente, die er in den nächsten Tagen nehmen muss. Jeder, der helfen kann, wird hier sofort rekrutiert.
Dann bringt Por mich zu meinem Moped und wir verabschieden uns herzlich voneinander. Ohne einander zu kennen, haben wir heute ein paar intensive Momente zusammen erlebt. Sie bedankt sich mehrfach bei mir. Ich sage ihr, dass ich ihre Arbeit sehr bewundere, dass ich mir aber noch mal überlegen will, ob ich der Beinamputation am nächsten Tag wirklich beiwohnen möchte. Ich stelle mich jedoch für weitere Transporte in den nächsten Tagen zur Verfügung. Froh darüber, ihr wenigstens einen Tag lang bei diesem Knochenjob geholfen zu haben, den sonst keiner machen will, fahre ich gerädert, aber glücklich in den Sonnenuntergang.
Für weitere Informationen und/oder Spenden:
www.pacthailand.com
Marco Buch - 11. Mrz, 21:30
Die südvietnamesische Großstadt Saigon, offiziell seit der Vereinigung von Nord- und Süd-Vietnam 1975 Ho-Chi-Minh-City genannt, ist ein Moloch von einer Stadt. Acht Millionen flinke Menschen führen in ihr tagein, tagaus ihr wuseliges Leben. Es herrschen tropische Klimabedingungen und chaotische Strassenzustände.
Warum also sollte man damit liebäugeln, in Saigon joggen zu gehen? Weil es auf diese Frage wirklich keine befriedigende Antwort gibt. Genau deshalb.
Es gibt jedoch ein paar Dinge, die man besser beachten sollte:
Orientierung
Ein Stadtplan ist sicherlich hilfreich, jedoch ist er meist zu unhandlich, um ihn beim Laufen bei sich zu tragen. Will man nach getaner Arbeit trotzdem wieder zum Hotel zurückfinden, kann es daher durchaus sinnvoll sein, sich im Voraus die wichtigsten Namen der Straßen einzuprägen, an welchen man abbiegen muss. Bei Strassennamen wie ‚Nam Ky Khoi Nghia Avenue’ kann das Auswendiglernen jedoch in etwa dieselbe Zeit in Anspruch nehmen wie der Lauf selbst.
Eine Alternative ist es, grundsätzlich niemals abzubiegen, sondern nach ein paar Kilometern in eine Richtung einfach auf der Ferse umzudrehen, um sodann die exakt selbe Strecke wieder zurückzulaufen. Bei dieser Variante spart man sich auch die lebensgefährliche Strassenüberquerung (>> siehe Strassenverkehr).
Es hilft mitunter, eine Visitenkarte seines Hotels dabei zu haben, die man dann jemandem zeigen kann, sollte man sich doch verlaufen. Wovon man ausgehen sollte. Dann muss diese Person nur noch Englisch sprechen und ein Mindestmaß an Interesse mitbringen, einem Touristen zu helfen. Wovon man nicht ausgehen sollte.
Weder Stadtplan noch Hotelkarte helfen einen Deut, wenn man in einen Regenschauer kommt, denn danach sieht man so aus, als sei man bei 60 Grad mitgewaschen worden (>> siehe Monsun).
Strassenverkehr
Saigons Verkehr lässt sich nicht ignorieren; er ist allgegenwärtig und auch noch in der letzten kleinen Gasse präsent. Sucht man eine Analogie, so fällt einem wohl am Ehesten ein großes, fleissiges Volk von Ameisen ein. Man weiß, dass sicherlich ein System hinter der unaufhörlichen Bewegung steckt, man kann es aber beim besten Willen nicht erkennen. Auf 8 Millionen Saigoner kommen 4,5 Millionen Mopeds, seitdem China den Markt um die Jahrtausendwende mit Billigmodellen überschwemmt hat. Nur selten sieht man eines dieser Fahrzeuge irgendwo stehen; in der Regel sind sie alle nonstop in Betrieb. So blickt man an einer roten Ampel zumeist in eine Armada aus Zweitaktern, bei der sich kein Ende ausmachen lässt.
Überquert man eine jener zahlreichen breiten Strassen, die ganz ohne Ampeln auskommen müssen, ist die einzige erfolgversprechende Methode, waghalsig in das Meer aus träge dahinfließenden Mopeds hineinzulaufen und darauf zu vertrauen, dass immer genau jene Fahrer leicht abbremsen, die gerade auf einen zu halten. Auf diese Weise kämpft man sich sodann Schritt für Schritt zur anderen Strassenseite durch. Will man seine körperliche Ertüchtigung überleben, sollte man in jedem Fall auch joggend bei der Strassenüberquerung seine Schrittgeschwindigkeit etwas drosseln.
Der abbiegende und der geradeaus fahrende Verkehr gehen in Vietnam oftmals eine zwar ästhetisch anzusehende, ganz offensichtlich jedoch wahnwitzige Symbiose ein. Es ist wenig empfehlenswert, sich auch noch als Fussgänger in diesen gordischen Knoten einzureihen, denn vermutlich kommt man nie wieder an einem Stück aus ihm heraus. Man kann die digital angezeigte Wartezeit bis zur nächsten Grünphase nutzen, um sich ein wenig zu dehnen. Aber Vorsicht: Nicht alle Straßenlaternen sind fest verankert!
Bodenbelag
Hängt man auch nur ein bißchen an seinen Knöcheln und Bändern, so lässt man den Untergrund vor sich keine Sekunde lang aus den Augen. Permanent gilt es, große, unergründlich tiefe Pfützen zu überspringen, wacklige Kanaldeckel mit geschickten Balanceübungen auszugleichen und urplötzlich aus dem Boden ragende Stahlnippel millimetergenau zu umschiffen. Die Schlaglöcher sind ein Kapitel für sich. So viel sei gesagt: Kann man es verhindern, sollte man besser in keines reintreten.
Sonstige Hindernisse
Die ausgewählte Joggingstrecke gleicht - völlig unabhängig vom konkreten Verlauf innerhalb Saigons - einem ausgeklügelten Hindernisparcours. Ein wenig erinnert sie gelegentlich auch an ein Computerspiel, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass man hier keine drei Leben hat.
Oft werden Gehwege einfach abrupt auf ganzer Länge von einem Beet unterbrochen. Ist das nicht der Fall, kann man sich darauf verlassen, dass alle zwanzig Meter ein vorausschauender Vietnamese sein Moped quer in den Weg gestellt, oder gar kurzerhand einen ganzen Stand mit gefälschten Zigaretten oder Luxusartikeln aufgebaut hat.
Über fast jede Ecke erstreckt sich ein vorübergehendes Nudelsuppen-Restaurant. Besondere Vorsicht verlangen hier die schräg gespannten Schnüre, die das Dach der Konstruktion halten und für das ungeschulte Auge nahezu unsichtbar sind.
Ablenkungen
Der Ablenkungen gibt es in Ho-Chi-Minh-City unzählige. Da wären zum Einen die mitunter riesigen Werbeplakate und unablässig blinkenden Leuchtschriften, die etwa für weißere Haut oder größere Brüste Reklame machen, zwei sichere Wege, wie man dem am Westen orientierten Schönheitsideal ein Stückchen näher zu kommen glaubt.
Ein viel sicherer Grund, den Boden zu lange außer Acht zu lassen, ist jedoch das unvermeidliche Zusammentreffen mit vietnamesischen Studentinnen. Überall in der Stadt stehen Gruppen dieser entzückenden jungen Frauen in geradezu atemberaubenden weißen Hosenkleidern, die man bei uns vermutlich eher in der Oper als in der Universität tragen würde. Passiert man nun keuchend und schwitzend eine solche Ansammlung von Eleganz und Anmut, und wird von geschätzten 80 leicht spöttisch dreinblickenden Augenpaaren zugleich verfolgt, fragt man sich kurz, ob man nicht vielleicht doch schlichtweg bescheuert ist, und lieber bei einem kühlen Bier in einem klimatisierten Restaurant sitzen sollte, wie es von einem Touristen ohnehin erwartet wird.
Ablenkend wirken auch Überlegungen zur momentanen Definition von Kommunismus in Vietnam, wenn man sich beispielsweise die Flanierstrasse Duong Khoi als Laufstrecke auserkoren hat und in kurzer Folge zunächst handgemalte Plakate zur Verbrüderung mit der Republik Cuba und sodann reihenweise westliche Luxusgeschäfte und Nobelkarossen passiert.
Polizei/Militär
Die bewaffneten Männer in Uniform am Strassenrand mögen den Läufer an die Bilder der Viet Cong erinnern, die man im sprachlos machenden Museum für Kriegsverbrechen sehen kann. Doch diese hier wollen einem offenbar nichts Böses. Auch für die Unterbindung des Schwarzhandels sind sie ganz offensichtlich nicht ausgebildet (>> siehe Hindernisse). Habe ich die Sache richtig verstanden, wollen die stets etwas grimmig dreinschauenden Männer einfach nur den Verkehr regeln. Wofür sie jedoch ebenfalls unzureichend ausgebildet zu sein scheinen.
Abgase
Treiben die Ozonwerte dem gemeinen Mitteleuropäer bereits beim Verlassen des Flughafenterminals Tränen in die Augen, so kann man davon ausgehen, dass man sich während eines einstündigen Laufs für die nächsten 3 Wochen ausreichend mit Kohlenmonoxid versorgt hat. Das Atmen fällt zusehends schwerer, was aber auch an der Luftfeuchtigkeit von etwas über geschmeidigen 80 % liegen kann.
Bäume
Damit nicht genug, dass man jederzeit über eine Wurzel stolpern kann, oder sich des Öfteren große Zweige aus dem Blickfeld schieben muss. Man muss auch noch darauf gefasst sein, dass einem unvermittelt riesige Blätter ins Gesicht fallen oder gar unvorsichtige Insekten. Irgendwo müssen die ganzen Schlangen, Skorpione und Tausendfüssler ja auch leben, die hier von der chinesischen Minderheit in Schnaps eingelegt und so zu einem psychoaktiven Getränk werden, dass sich dann Medizin schimpft.
Rush-Hour
Erliegt man schon kurz nach der Ankunft in Vietnam dem Glauben, dass in Saigon im Prinzip rund um die Uhr Rush-Hour ist, so hat man sich geschnitten. Zu den wirklichen Stosszeiten setzt der Verkehr noch mal gewaltig eins drauf. Nun fahren die Mopeds auch auf den Gehwegen, und das nicht selten in mehreren Reihen nebeneinander. Mir wurde nicht ganz klar, wohin der Fußgänger ausweichen soll. Vielleicht in eine Garküche, bis der Spuk vorbei ist?
Leider sind die Zeiten der Rush-Hour am Morgen und am Abend jedoch auch die einzigen möglichen für einen Lauf, da es nur dann mit 29 Grad schon fast erfrischend kühl ist.
Monsun
Der Regen kommt immer dann, wenn man nicht mit ihm rechnet. Kommt er jedoch, dann kommt er gewaltig. Man kann sich in diesem Fall entweder zu den freundlichen Vietnamesen gesellen, die einen einladend zu sich unter Vordächer oder hastig aufgespannte Zeltkonstruktionen winken. Oder sich wahlweise in einen der kleinen Sturzbäche am Strassenrand legen und darauf hoffen, in Richtung des Hotels getrieben zu werden. Es gibt nur diese beiden Optionen.
Dunkelheit
Steht man um kurz nach fünf plötzlich im Dunkeln da, so hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der in diesem Fall Nähe zum Äquator heisst. Denn die Dunkelheit setzt nicht nur früh ein, sondern auch sehr plötzlich. In diesem Fall potenzieren sich alle oben genannten Gefahren etwa um den Faktor 5.
Fazit
Beachtet man die oben genannten Punkte, ist Joggen in Saigon ein unvergleichliches Erlebnis. Allein schon das Gefühl, wieder im Hotelzimmer am Fenster zu stehen, in dieses Chaos auf den Strassen hinunterzublicken und sich daran zu erfreuen, dass man noch am Leben ist, macht es zu einem durchaus lohnenden Zeitvertreib.
Wird man sonst ständig gefragt ‚Mister, you like motorbike/city tour/watch/hotel/...?’, kann man die Stadt nun mal gänzlich ohne diese lästigen Anmachen durchqueren. Wenn doch mal einer fragt, meint er es sicher ironisch, und man kann gemeinsam darüber lachen, ohne dabei viele Worte zu verlieren.
Mit hochrotem Kopf und verschwitzten Klamotten kehrt man schliesslich ins Hotel zurück. Dort kann man damit beispielsweise dicke Franzosen beeindrucken, die nicht selten nach Vietnam gekommen sind, um ihr koloniales Erbe zu begutachten und ein paar Dutzend Frösche zu vertilgen.
Steht man unter der Dusche, stellt man fest, dass man millimeterdick Dreck auf der Haut hat. Schabt man diesen vorsichtig Schicht für Schicht ab und riecht daran, kann man mit einiger Anstrengung die verschiedenen Distrikte Saigons herausschnuppern. So lässt sich auch gut entscheiden, wo man unbedingt noch mal hin will und wo eher nicht.
Entscheidet man sich für einen Lauf, sollte man jedoch Mäßigung betreiben, und diese Ertüchtigung nicht öfter als ein mal die Woche wiederholen. Ich habe unterwegs noch einen weiteren Jogger gesehen. Dieser wirkte, als hätte er bereits ein wenig viel des Schlangenschnapses verköstigt (>> siehe Bäume), und schwebte elfengleich mit aufgesetzten Kopfhörern durch den Verkehr, während er gedankenverloren eine apokalyptische Melodie mitsummte.
Marco Buch - 15. Dez, 21:38
Obwohl der Pick-Up, ein blauer Toyota Hi-Lux, bereits mehr als voll aussieht, winkt man uns freudig auf die Ladefläche. Unser Hab und Gut verschwindet kurzerhand auf dem Dachgepäcktraeger. Mit dröhnendem Auspuff machen wir uns nach leicht surreal anmutenden 22 Stunden in der ehemaligen britischen Hill Station Pyin U Lwin auf den beschwerlichen Weg zurück nach Mandalay, der zweitgöessten Sadt Myanmars, die mit einer Million Einwohnern über unzählige Pagoden, aber nicht eine einzige öffentliche Strassenlaterne verfügt.
Die Militärakademie sowie verschiedene grosse Firmenkomplexe fliegen an uns vorüber, deplatziert wirkend in der ansonsten dünnbesiedelten Bergregion. Mein volltrunkener Sitznachbar legt leutselig einen Arm um mich und freut sich sichtbar über meine Anwesenheit. Leicht spuckend schmeisst er mir ein paar unverständliche Sätze an den Kopf. Ich lasse ihm den Spass, und mir den Fahrtwind um die Nüstern wehen. Es riecht nach abgestandenem Whisky.
Nach dem Frühstück und einer knarzenden Kutschfahrt zum berühmten Candacraig-Hotel war recht schnell klar, dass Pyin U Lwin nach nicht ganz einem Tag bereits an die Grenzen seiner Unterhaltungsfähigkeit gestossen war. Mein österreichischer Reisepartner Roman und ich hatten uns bereits am Abend des Vortages darauf geeinigt, dass dieser Side-Trip wohl am Treffendsten als Fast-Erlebnis zu bezeichnen wäre: Fast war die Luft im 1100 Meter hoch gelegenen Dörfchen etwas sauberer als im staubigen Mandalay, fast war es auch gerade abends etwas kühler. Fast hätte das im Reisefuehrer von 2007 so hoch gepriesene Restaurant noch immer existiert, und fast hätten wir auch noch ein Ticket fuer die Rückfahrt im Zug über den beeindruckenden Gokteik-Viadukt bekommen. Ja, fast hätte Roman sogar eine Gitarre gekauft, hätte man ihm von Anfang an den richtigen Preis genannt. Das einzige, was letztendlich wirklich und wahrhaftig stattgefunden hatte, waren zwei sehr delikate indische Mahlzeiten, die der grossen Anzahl von Indern geschuldet waren, welche die Nachkommen jener Soldaten sind, die die Engländer seinerzeit hierher geholt hatten. Das, und von Tod und gefährlichen Tieren geprägte Träume in unser beider Schlaf, ein weiterer Grund, der für eine Abreise zu sprechen schien.
Trotz der relativen Überschaubarkeit des Dörfchens hatten wir uns am Nachmittag gleich mehrfach verlaufen. Mit einem unterschwelligen schlechten Gewissen mussten wir schon bald eingestehen, dass unser einziger Anhaltspunkt in der bunten Kulisse aus Kolonialbauten, Pferdekutschen, Bruchbuden sowie ein paar modernerer Häeschen ein alter Leprakranker war, der uns stes an der selben Stelle im Staub sitzend freundlich mit einem nur noch halb erhaltenen Arm grüsste und im selben Atemzug um Geld bettelte.
Durch die Wälder bahnen wir uns einen Weg in Richtung Abstieg vom Hochplateu, während der Mann, der von den Passagieren das geringe Fahrgeld eintreibt, mit einem Arm hinten an der Reling hängt und lauthals 'Mandalay' schreiend immer weitere Menschen in den Toyota lockt. Es riecht nach den brennenden Böschungen am Strassenrand.
Nach und nach spulen sich dieselben eindrucksvollen Bilder vom Hinweg erneut ab, diesmal in umgekehrter Reihenfolge. Die Fahrt von Mandalay hierher war sicher eines der besten Reiseerlebnisse aller Zeiten gewesen. Man hatte uns tatsächlich fast den ganzen zweieinhalbstündigen Weg auf dem Dach des Pick-Up sitzen lassen. Zwar haute einem der Fahrtwind und der allgegenwärtige Staub fast die Augen aus dem Kopf; schliessen aber wollte man sie sicher nicht, denn was sich in schneller Abfolge vor den Pupillen abspielte war, als würde man mitten durch eine Filmkulisse fahren, deren Ort und Zeit man nicht einzuordnen vermochte. So unwahrscheinlich muteten viele Dinge an, so schöne und so hässliche Bilder bekam man unmittelbar hintereinander zu sehen, dass man nur ungläubig mit dem Kopf schütteln konnte. "Ja, bist Du deppert?", brachte Roman sein Erstaunen des Öfteren eloquent zum Ausdruck.
Wir passieren einen LKW, dessen maximale Zuladung etwa um das Fünffache überschritten wurde. Er ist bis zur Kante der Ladefläche voller Kies; auf dem Kies liegend halten die Arbeiter neben ihren Schaufeln ein verdientes Schläfchen. Mein besoffener Nachbar beginnt mich zu nerven. Als wäre ich ein exotisches Tier, zwickt er mich immer wieder an Rücken und Beinen, und wartet dann gebannt auf meine Reaktion. Diese fällt zunehmend unfreundlicher aus, vermag seinem Tatendrang jedoch noch nicht Einhalt zu gebieten. Es riecht nach Abgasen und heissem Gummi.
Langsam beginnt der Abstieg. Steil schlängelt sich die erstaunlich gut ausgebaute Strasse durch mediterran anmutende Vegetation in Richtung der völlig chaotischen Staubhölle, die auf den klangvollen Namen Mandalay hoert, neben dem Strassenrand gähnt der Abgrund. Wir haben unser Leben einem wahrlich verwegenen Fahrer anvertraut, der den Wagen getreu dem Motto 'Wer bremst, verliert' saftig in die Kurven schmettert. Schon bergauf am Tag zuvor waren wir erstaunt, welche Geschwindigkeiten die abgewetzten Fahrzeuge vorlegten, nun jedoch setzen wir ganz neue Standards. Souverän ziehen wir an heillos überladenen LKW und anderen Pick-Ups voller Menschen vorbei. Die einzigen, die wiederum uns überholen, sind die zahlreichen Motorrad-Lastenträger. Hinter den Fahrern der eleganten 125 CC-Mopeds 'made in China' türmen sich etwa zwei Meter hoch wie breit Körbe und Kisten auf, die im Fahrtwind schwanken. Die Piloten lächeln uns verwegen zu, winken mit einer sonnengegerbten Hand und überholen trotz Gegenverkehrs. Die Wolken, die sie zurücklassen, riechen nach Zweitaktergemisch.
Wir erreichen das kleine Dörfchen auf halber Strecke, dass gestern einem nie zuvor gesehenen Zweck diente. Waren alle Fahrzeuge am Fusse des Berges noch kurz stehen geblieben, um Wasser auf die Motoren, Auspuffrohre und zischenden Getriebe zu sprenkeln, hatten dieselben Fahrzeuge, vom LKW bis zum Moped, nach ein paar Kilometern aufwärts bereits neue Höchsttemperaturen erreicht. Unser Fahrer sprang vor der Hüttenmeile aus dem Wagen, riss die Motorhaube auf und öfffnete vorsichtig den Kühler, aus dem ihm sofort zischend das kochende Kühlwasser entegegen sprudelte. Er hängte daraufhin einen bereitliegenden Wasserschlauch hinein und begann den Kühler ausgiebig zu spülen. Fünf Minuten lang kühlte das rotierende Wasser so den Motor wieder auf angenehmere Temperaturen runter! Ich kaufte daraufhin ein paar eingelegte Früchte, die ich jedoch am Ortsausgang nach kurzem Probieren einigen Strassenhunden überliess.
Diesmal jedoch stoppen wir nur kurz und ohne weiter ersichtlichen Grund. Ich erstehe ein paar frittierte Kringel, die mir seltsam vertraut scheinen, sowie eine Flasche Erdbeerwein aus der Region. Roman ist gemäss österreichischer Tradition ein Freund des Frühstücksbieres und besorgt sich ein paar Dosen als Proviant. Ich versuche dem burmesischen Trinker aus dem Weg zu gehen, der sich leicht gebückt und wahnwitzig kichernd in der Nähe des Wagens rumtreibt. Wie kann ein Mensch nur so lange sein Level halten, ohne nachzulegen, frage ich mich. Er schenkt mir aus der Ferne sein bestes Bekloppten-Lachen sowie ein paar obszöne Gesten. Es riecht nach Kuhmist und Frittierfett.
Nun wird es ernst. Es geht jetzt wirklich steil bergab. Zwar verlaufen die entgegengesetzten Spuren der Strasse nun auf verschiedenen Seiten des Tals, doch nach und nach beginnen sich all meine Gedanken ausschliesslich auf unsere Bremsen zu konzentrieren. Bisher scheinen sie ihre Aufgabe den Umständen entsprechend zu erledigen, aber die Geräusche, die sie dabei von sich geben, sind alles andere als vertrauenwerweckend. Doch auch wenn das 'a' auf der Bordwand längst abgeblättert ist, und der Laie durchaus denken könnte, er führe wohl in einem 'Toyot', so ist und bleibt unser Fahrzeug doch von Dachplane bis Felge ein Toyota. Japanische Wertarbeit, gemacht für exakt solche Situationen, und wahrlich durch fast nichts kleinzukriegen. Staub, mangelnde Wartung, unzumutbare Strassen, Überladung, die jeder Beschreibung spottet. Hah, allesamt Dinge, über die ein Toyota am Ende nur müde lächeln kann. Mal ehrlich, was wären all diese Länder ohne Toyota-Fahrzeuge? Hätte ich die Möglichkeit, würde ich gerne nichtsdestotrotz jetzt in diesem Moment der Bremsenentwicklungsabteilung des japanischen Konzerns eine grosszügige Spende zukommen lassen.
Ich habe dem hochprozentigen Attentäter nun endlich auf die Finger geschlagen, und dabei leider auch meine Sitznachbarin leicht erwischt. Sie sieht es mir nach. Es riecht – vielleicht zum ersten mal seit meiner Ankunft in diesem seltsamen Land – eigentlich nach gar nichts.
Wir bremsen abrupt. Ein anderer Pick-Up ist liegengeblieben und verleiht dem Ableben seines Motors mit weißen Dampfschwaden Nachdruck. Ratlos stehen etwa 15 Mann um den Wagen, bis auch der letzte sich davon überzeugt hat, dass dieser Wagen heute sicher nirgendwo mehr hinfährt. Das Unvermeidliche tritt ein. Alle 18 Passagiere besteigen nun unser Gefährt, denn irgendwie müssen sie ja nach Mandalay. 23 Leute sitzen, knien, stehen, hängen auf und an der Pritsche, im Fond befinden sich weitere 5 Personen. Aufs Dach habe ich etwa 16 Personen klettern sehen, womit wir nun eine Gesamtpassagierzahl von 44 Menschen zählen. Weiter geht's!
Der zugedröhnte Wahnsinnige ist nun auf der schmalen Pritsche weit genug entfernt, um mich nicht weiter nerven zu können. Dafür hat es sich ein junger Mann samt seinem Kind zwischen meinen Beinen bequem gemacht. Eine Oma mit vom Betel blutroten Zähnen hat ihren gesamten Einkauf zielgenau auf meinem rechten Fuss platziert, während der tätowierte Junge in der Harley-Davidson-Jacke zu meiner Linken mir mit seinem Ellbogen gewissenhaft die Ohrmuschel putzt. Es riecht nach Gemüse. Ich glaube, jenes ist schon etwas älter.
Nur kurze Zeit später hat der Fahrer offenbar das Gefühl, den Toyo noch immer masslos zu unterfordern. Wir halten daher kurzerhand am Strassenrand, wo ein paar staubige Typen eine ordentliche Ladung etwa 5 Meter langer Bambusrohre mit Stricken an der Seite des Autos befestigen. Es riecht nach Kloake, aber irgendwie auch nach Leckereien, die in der Nähe auf einem Grill neben zwei gigantischen dunklen Schweinen brutzeln.
Wir erreichen das Tal. Mein Peiniger ist offenbar ausgestiegen. Der Wagen knattert unbekümmert, als wäre nichts weiter gewesen. Ich nehme mir vor, Toyota schon bald eine wohlwollende email zu schreiben. Wir halten an einem von unzähligen Strassenständen, vor denen ohne erkennbares System Ölfässer aufgetürmt stehen, und die offenbar westliche Tankstellen ersetzen. Im Handumdrehen hat einer der ölverschmierten Männer das Benzin aus einem der Fässer mit dem Mund angesaugt, und führt dem Fahrzeug sodann durch ein Stoffsieb ein paar wenige Liter zu, exakt jene Ration, die ein Benzin-Gutschein begleicht. Es riecht nach Benzin, aber irgendwie auch nach Bananen und Räucherstäbchen.
Noch eine halbe Stunde geht es weiter über Land, bis wir an den zunehmenden Staubschwaden erkennen, dass wir uns im Grossraum Mandalay befinden. Vorbei an den Korbmachern, an den Töpfern, an den Steinmetzen, vorbei an mit Unrat spielenden Kindern und in der prallen Sonne dösenden Hunden voller Flecken ohne Fell. Vorbei an Reisfeldern, Palmenhainen, vor lauter alter Plastiktüten nicht mehr als solche erkennbaren Wiesen und zum Himmel stinkenden Kanälen. Dann vorbei an Fussballfeldern, Hochzeitsgesellschaften, unverständlich erscheinenden Zusammenkünften von Menschen rund um krächzende Lautsprechertürme. Vorbei an Läden, die von der Kloschüssel bis zu alkoholischen Getränken wirklich alles anbieten, vorbei an Märkten voller Obst, Gemüse, Haushaltswaren, schwitzender Lastenträger, Rikshas, klitzekleiner Mazda-Taxis aus den Sechzigern und Menschen, Menschen, Menschen.
Der Toyo stoppt, der Fahrer entsteigt nicht ganz ohne Stolz dem Cockpit. Es riecht nach getrocknetem Fisch. Jedoch nur ganz dezent, denn der Staub hat meine Nase nahezu hermetisch abgeriegelt.
Marco Buch - 18. Feb, 22:04
‚Can see good thing in train!’ Dies war gestern Abend die eloquente Antwort der Guesthouse-Mama auf meine drängende Frage ‚Bahn oder Bus für den Rest der Strecke zum Inle-See?’, und mir Argument genug, nun auf ein Neues einen der hellblauen Waggons zu besteigen. Und das, obwohl ich nach der Strecke Yangon-Thazi gestern eigentlich geglaubt hatte, 14 Stunden Zugfahrt seien durchaus genug gewesen. Beeindruckend, außergewöhnlich, besinnlich, ohne Frage, aber doch auch irgendwie erst mal ausreichend.
Gerädert von der klapprigen Fahrt, den monotonen Rhythmus der ausgeschlagenen Gleise noch immer im Hinterkopf vor mich hin beatboxend, hatte ich gestern Abend festgestellt, dass ich im Dörfchen Thazi wie schon auf der gesamten Zugfahrt mal wieder der einzige Tourist war. Nach der unbändigen Freude der Guesthouse-Besitzer zu urteilen war ich wohl auch seit geraumer Zeit der erste. In diesem kleinen Transit-Örtchen gibt es ganze zwei Guesthouses, und nur eines davon verfügt über ein Restaurant. Der Fairneß halber teilte ich meine kurze Zeit vor Ort gut ein und meine Ausgaben gleichmäßig auf: Ich schlief in dem einen, und ass in dem anderen. Um zudem den offensichtlich schwelenden Kleinkrieg der beiden Besitzer um die wenigen hier aufschlagenden Touristen etwas zu besänftigen, teilte ich dem erstaunten Restaurantbesitzer mit, die Guesthouse-Mama habe mir wärmstens empfohlen, bei ihm zu essen. Im Gegenzug erzählte ich ihr nach dem Essen, er hätte gesagt, bei ihr schlafe es sich auch gar nicht so schlecht. Think globally, act locally.
Nachdem ich also schon wieder um halb fünf aufgestanden bin, bahne ich mir im fahlen Schein meiner Miniatur-Taschenlampe einen Weg durch Pferdekarren neben alten schlafenden Rappen, marodierende Hundebanden mit Hautproblemen und schwelende Feuerchen, und laufe entlang der Gleise zur in völliger Dunkelheit gelegenen überschaubaren Haltestelle, die sie hier Bahnhof schimpfen. Wieder hat man mich in der ‚Ordinary Class’ in Fahrtrichtung am Fenster platziert, was bezüglich der ‚guten Dinge’, die es ja offenbar auf der Fahrt zu sehen geben wird, sicher nett gemeint war, leider aber auch bedeutet, dass mir wieder drei bis vier Stunden lang der kühle Morgenwind ins schutzlose Gesicht wehen wird. Denn wie überall im Land hat der Begriff Fenster mit dem Begriff Scheibe nicht allzuviel zu tun. Ich mache es mir im Dunkeln zwischen den Einheimischen bequem, ziehe mir die Kapuze über den Kopf und nicke ohne Umschweife ein.
Trotz drei Lagen Kleidung und einem gestern Abend erstandenen und zum Schal umfunktionierten Frottee-Handtuch friere ich wie ein Schneider, als ich gegen sieben Uhr aufwache. Mein rechter Sitznachbar schläft selig an meiner Schulter und auch sonst mutet unser Abteil im ersten Schein des Tageslichts eigentlich recht gemütlich an. Ich schüttele zögerlich meine eingefrorenen Glieder warm und warte sehnsüchtig auf das erste Essen.
Während der 14-stündigen Fahrt gestern hatten mir Verkäufer in kurzen Intervallen Krapfen mit süßer Kondensmilch, Reisnudeln mit Sojasoße, mit süßen Bohnen gefüllte Teigklösse, Curry mit hartgekochten Eiern, Reiskuchen, dunkle Pfannkuchen mit Sesam, Fladen mit verschiedenen Chutneys, erbsengroße frittierte Kugeln, flache knackige Gebäckkringel, tellergroße hauchdünne Cracker aus Sesam und Kokosöl, frittierte Bananen, Gemüse-Batthura, mit frittierten Chillies garnierte Fleischcurries, Halva in verschiedensten Farben, Wachteleier, gedünstete Erdnüsse, geröstete Sonnenblumenkerne, klebrig-süße Fettkringel, frische Samosas, Erdnussfladen in Frisbee-Grösse, große gelbe Bälle aus Kokos, indische Süßigkeiten aus viel Butter und Fett, Rotis, gebratenen Fisch, Chai und höllisch süßen Kaffee, große Dampfnudeln, sowie Orangen, Melonen, Kokosnüsse, Kohlköpfe, Tomaten, Paprika und diverse Kräuter angeboten. Wenig überraschend also, dass ich mir für heute keinen Proviant eingepackt habe.
Es wird halb acht, dann acht, und mein Magen beginnt so laut zu knurren, dass mein Sitznachbar erschrocken seinen Kopf von meiner Schulter nimmt. Ich schleppe mich mit steifen Beinen zum Ende des Waggons und zünde mir, mit dem Fahrtwind kämpfend, eine Cheroot an. In den letzten Wochen in Myanmar habe ich mir die dicken grünen Zigarren zusehends angewöhnt, da ihr Rauch der Atmosphäre stets als das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem i dient, und ich mir inmitten der beeindruckenden weißen Wolke zudem immer sehr verwegen vorkomme. Träge vor mich hinrauchend beobachte ich mehrere Menschen dabei, wie sie geschickt den Abgrund zwischen den beiden Waggons überwinden, denn die dafür vorgesehene Metallbrücke ist leider fast vollständig weggerostet. Im gestrigen Zug hatte mich das noch kurz verunsichert und ich hatte stets befürchtet, auch die Außenwand müsse jeden Moment dem Vorbild der Brücke folgen und schlichtweg abfallen; heute betrachte ich die Dinge bereits deutlich gelassener.
Nicht jedoch das Essensdilemma! Die Kälte kriecht nun langsam zu den Fenstern raus und vermischt sich mit dem Rauch der Lokomotive, während die Sonne nach und nach die Gipfel der uns umgebenden Shan-Berge erklimmt. Die Einheimischen kommen zu sich. Viele strecken sich, einige tuen es mir gleich und begrüssen den Tag mit einer geballten Ladung Rauch, manche öffnen voller Vorfreude das erste Betelnusspaket, fast alle aber spucken erst mal lautstark grosse Klumpen Schleim aus den Fenstern ohne Scheiben.
Durch das Rauchen und den Hunger habe ich eine Art Trancezustand erreicht. Die Schrittgeschwindigkeit des Zuges trägt nicht gerade zur Hoffnung auf einen baldigen Stopp bei. Draußen ziehen sich waschende Menschen vor simplen Bambushütten vorbei, letzter Rauch steigt aus den Feuern der vorigen Nacht auf. An den Bahnübergängen stehen geduldig Menschen und blicken den Zug an, als sei er der erste, den sie je zu Gesicht bekommen haben. Sie winken ehrfürchtig, ein paar Passagiere winken nicht minder ehrfürchtig zurück. Dann wieder lange nichts. Flüsse, Hügel, Felder; grün und gelb bleiben die vorherrschenden Farben. Kleine Siedlungen am Hang, nackte Kinder im Morgendunst. Vor meinen müden Augen erscheint ein Schwein, dass durchau das grösste der Welt sein könnte, mit Sicherheit aber das größte ist, das meine Augen je erblickt haben. Ich will ihm noch hinterhersehen, doch selbst für den Weg zum Fenster bin ich mittlerweile zu schwach.
Als ich eine vorgetäuschte Ohnmacht gerade als mögliche Maßnahme zur Nahrungsgenerierung in Betracht ziehe, verlangsamt das Monstrum aus Eisen tatsächlich endlich seine ohnehin schon schneckengleiche Fahrt. Ich jubiliere. Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits all die energischen Verkäufer hereinströmen, in immer denselbem Tonfall ihr jeweils eines, exklusives Gericht anpreisend, das sie in großen Metallschalen auf dem Kopf tragen.
Doch es steigen nur drei hagere Frauen ein, von energisch kann hier keine Rede sein. Es muss an der Höhe liegen. Und alle drei haben das gleiche Gericht im Angebot. Was es ist, kann ich nicht sehen, da die einzelnen Portionen in Bananenblätter eingewickelt sind. In meinem jetzigen Zustand ist es mir allerdings auch völlig egal; ich kaufe blind ein prall gefülltes Bananenblatt, reiße es auf, und beginne das Zeug hastig mit der rechten Hand in mich hineineinzuschaufeln.
Seltsame Konsistenz, interessanter Geschmack, komische Formen, denke ich noch so bei mir. Dann habe ich den roten Hühnerfuss in meiner Hand. Ich schaue mir das Ganze also genauer an. Im Englischen würde man das von mir bereits zur Hälfte verzehrte Gericht wohl am Treffendsten mit ‚Lips and assholes’ beschreiben. Mit anderen Worten: All jene Körperteile eines Huhns, die unsereins eher großzügig dem Hund überlässt, geben sich hier ein pietätsloses Stelldichein auf einem Berg aus fettigem Reis. Die Einheimischen um mich herum freuen sich von Herzen, als sie die Veränderung in meinen Gesichtszügen bemerken. Sie lachen und klopfen mir auf die Schulter, ich lache mit. In einem unbeobachteten Moment wische ich das Bananenblatt samt Inhalt nonchalant vom Tisch in Richtung Fenster. Auf hundert Meter Bahngleise kommen etwa 5 hungrige Hunde in von Flöhen zersetztem Fellkleid.
Ab diesem Moment plätschert die Zeit in etwa so dahin wie in einem amerikanischen Indie-Roadmovie. Es geschieht nahezu nichts. Der Rhythmus meiner Zigarren ersetzt mir zuverlässig eine Armbanduhr. In einem Land, in denen Ankunftszeiten stets plus/minus fünf Stunden gelesen werden müssen, verlieren Uhren ohnehin deutlich an Bedeutung.
Bei jedem Stopp in all den kleinen Dörfern steigen nun tatsächlich Verkäufer ein, die Auswahl der angebotenen Speisen jedoch ist hier oben in den Bergen einfach entschieden kleiner. Bei jedem erneuten Anfahren lassen die ohrenbetäubenden Geräusche der Waggons darauf schliessen, dass der gesamte Zug nun endültig die Zeichen der Zeit erkannt hat und das Zeitliche segnen wird, was er dann seltsamerweise jedoch nie tut. Fast hätte ich ein wenig Lust drauf.
Zwischendurch frage ich mich, warum ich die Strecke nicht einfach gelaufen bin. Ich hätte unter Umständen schneller sein können. Den Einheimischen ist die Reisegeschwindigkeit mehr als egal. Viel zu sehr sind sie damit beschäftigt, mich, freundlich lächelnd, interessiert zu beäugen, ihr jeweiliges Betel-Level konstant zu halten, sowie jeden Fitzel Müll, den sie im Zug finden können, mit vollen Händen in die hübsche Natur des Shan-Staates zu werfen. Als zehn von zwölf Stunden vergangen sind, und ich meinem Ziel, dem Inle-See, nach fast zwei Tagen Zugfahrt nun endlich unaufhaltsam näher komme, ereignet sich zum ersten Mal seit Stunden etwas Nennenswertes.
Mir gegenüber sitzt ein ältlicher Mönch. Wie lange schon, würde mir schwer fallen zu bestimmen. Während er, einer wiederkäuenden Kuh gleich, Betel zwischen den Backenzähnen zermalmt, kürzt er sich in kontemplativer Körperhaltung mit einem Nagelknipser gewissenhaft seine acht Barthaare am Kinn, was bereits jetzt eine beachtliche Zeitspanne in Anspruch genommen hat.
Meine sechzehnte Cheroot rauchend, schaue ich ihm dabei zu, und kontempliere meinerseits über das Mißverhältnis von Zeit, die ich auf dieser Reise in Verkehrsmitteln totschlagen muß, im Verhältnis zu Zeit, die ich einfach an Stränden herumliege. Da fängt der Rotgewandete urplötzlich an, wild zu gestikulieren und mir immer wieder ‚Photo, photo!’ zuzurufen. Nach ein paar Momenten, in denen mir vor Schreck die Zigarre aus der Hand zu fallen droht, verstehe ich endlich: Er möchte, dass ich die Brücke aus Beton, die wir demnächst in einer 270-Grad-Kurve zunächst über- und dann unterqueren werden, auf Zelluloid respektive Speicherkarte banne. Diese Brücke lässt sich nur mit viel Wohlwollen als ein architektonisches Meisterwerk bezeichnen, und die Ausgeleiertheit des Zuges gepaart mit den von Betel und Desinteresse getrübten Fahrkünsten des Lokführers begünstigen auch nicht gerade ein unverwackeltes Bild. Abgesehen davon ist das Fotografieren militärischer Einrichtungen und Brücken für Touristen vom Militär ausdrücklich verboten.
Doch ich tue ihm den Gefallen. Ich zücke meine Kamera und ziele, der Mönch freut sich einen Ast ab. Der Lokführer scheint zugleich zu bremsen und Gas zu geben, die porösen Waggons reiben sich aneinander wie brünftiges Rotwild. Aber just in dem Moment, da ich theatralisch den Auslöser drücken will, katapultiert der heilige Mann unvermittelt eine dicke Ladung Betelspucke aus seinem Mund durch den Fensterrahmen. Gegen den Wind, versteht sich. Die 270 Grad tuen ihr Übriges. Meine Linse verfärbt sich rot.
Marco Buch - 8. Feb, 22:05
Das war keine gute Idee! Wie hatte ich eigentlich dem Irrglauben erliegen können, dass diese Art der Unterhaltung in irgendeiner Hinsicht für Westler konzipiert wäre?!
Ich sitze in einer hölzernen Gondel, die etwa 12 Meter über dem von Menschen übersäten Boden schwebt. Sie hängt an dünnen Armierungsstäben aus Eisen, die wiederum mit jeweils zwei Schrauben an nur unwesentlich dickeren Eisenstreben angeschraubt sind. Diese, und nur diese scheinen das Riesenrad aus Holz zusammenzuhalten.
Jede ein- oder aussteigende Person am unteren Ende des Rades lässt unsere Gondel in luftiger Höhe energisch hin-und herpendeln. Sie hängt zudem bedenklich zu meiner Seite; ich befürchte, ich wiege alleine so viel wie die drei gutfrisierten Einheimischen neben mir, die mich gerade belustigt beäugen und ein weiteres mal darum bitten, von mir fotografiert zu werden.
Sehr gerne würde ich jetzt und in diesem Moment aussteigen, dabei hat die Fahrt noch gar nicht begonnen. Noch werden die Gondeln eine nach der anderen in die unterste Position gebracht, und dort sorgfältig bis zum Limit ihrer Kapazität mit erlebnishungrigen Menschen vollgestopft. Erst von hier oben kann ich erkennen, dass das gesamte Riesenrad lediglich mit ein paar Holzkeilen im sandigen Boden gesichert zu sein scheint. Sollte ich mit geschlossenen Augen und nur vom Gefühl her beschreiben, aus welchem Material diese Hauptattraktion des dreitägigen Jahrmarktes wohl gebaut ist, wäre mein erster Tip vermutlich Streichhölzer.
Der Ausblick ist auf seine schräge Art recht hübsch. Neben dem für europäische Verhältnisse eigentlich kleinen Riesenrad erstrecken sich die Stände mit dampfendem Essen und die aufgebahrten Spielzeuge und Klamotten zu 50 Cent an bunten Kleiderbügeln. In regelmäßigen Abständen eingestereut befinden sich die CD-Stände, die ihre Boxen, wie es landesüblich ist, bis zum Anschlag aufgedreht haben, sodass jedes Lied bis zur Unkenntlichkeit verzerrt ist. Noch von hier oben ist es so laut, dass ich mich frage, wie der Verkäufer am uns am nächsten gelegen Stand allen Ernstes einen Meter von der Box entfernt ein Nickerchen halten kann.
Doch alles in allem dringen die Eindrücke nur gedämpft zu mir durch. In meinem Kopf formiert sich der mächtige Wunsch, dass die alles so schnell wie möglich vorbei gehen möge, und ich wieder sicheren Boden unter den Füssen habe. Ich fühle mich wie früher als Kind, wenn man auf einen riesigen Baum geklettert war, ohne auch nur einmal zurückzusehen. Oben angekommen blickte man sich dann um, und hatte sofort keinen blassen Schimmer mehr, wie man da jemals wieder runter kommen sollte.
Kurz befürchte ich, dass die Teenager neben mir nun ihrem Ruf alle Ehre machen und anfangen werden, die Gondel noch zusätzlich zu schaukeln, aber offenbar können auch sie glücklicherweise eins und eins zusammenzählen und wissen, dass diese Konstruktion eine solche Verwindung vermutlich nicht lange verkraften würde. Es knarzt und quietscht an allen Ecken und Enden.
Der Abend hatte doch eigentlich ganz gut angefangen. Auf einer Terrasse am Strand hatte ich zunächst fürstlich gespeist, und dann bei ein paar Whisky Sour mit einem deutschen Verschwörungstheoretiker und einem schlaksigen Spanier mit dem vollmundigen Namen Jesus einige Zeit lang ekstatisch musiziert. Der Deutsche war zwar ein ausgesprochener Miesepeter, und damit meine ich, noch miesepetriger als Deutsche sich ohnehin meist schon gebährden, spielte aber grandios Saxophon. Ein Instrument, das für ihn wie geschaffen schien, denn wenigstens während des Spielens konnte er nicht sprechen! Der scheue Jesus hingegen hatte zunächst ein paar alkoholische Getränke zur Lockerung gebraucht, dann aber schon bald mit seinen in Flamenco-Manier wild wedelnden Armen den Laden zum Kochen gebracht. Wir planten, das Ganze später fortzusetzen, aber an meinem letzten Abend in Chaungtha wollte ich mir doch noch einmal das Riesenrad aus der Nähe ansehen, das ich nachmittags auf dem Fahrrad passiert hatte. Meine Gitarre für die Dauer meiner Abwesenheit einem spielwütigen Kellner übergebend, hatte ich sodann eine Fahrradrikscha in Richtung Jahrnarkt bestiegen.
Alle Menschen in den Gondeln um mich herum wollen von mir fotografiert werden. Das ist gut, denn es lenkt mich ab vom Gedanken daran, was eigentlich wäre, wenn das komplette Riesenrad nun kollabierte. Chaungtha ist ein kleines Dorf an der bengalischen Küste, ohne nennenswerte Infrastruktur und ohne jegliche medizinische Versorgung. Wie würde man die Verletzten auf dem beschwerlichen, unbeleuchteten Feldweg in die acht Stunden entfernte Hauptstadt bringen? Mopedtaxi? Fahrradrikscha? Pferdekarren? Da fällt mir auf, dass ich im ganzen Land bis dato noch keinen Krankenwagen gesehen habe.
Doch genug davon, die Aufregung unter den Passagieren bewegt sich ihrem Höhepunkt entgegen, denn alle Gondeln sind nun bis zum Bersten beladen. Und jetzt kommt das, was mich schon beim Zuschauen von unten unglaublich fasziniert hatte:
Dieses Riesenrad ist wie so vieles in diesem seltsamen Land eine absolute Improvisation. Ich schätze, jemand hat einfach irgendwann mal mit einem aus einer Zeitschrift ausgeschnittenen Foto eines Riesenrades neben sich angefangen, Stahl und Holz mit ein paar alten Nägeln so zusammenzuhämmern, dass es der Abbildung möglichst detailgetreu ähnelt. Kopieren ist hier in Asien schließlich kein Delikt, sondern ein angesehener Beruf. Nicht umsonst gibt es beispielsweise in China für die Begriffe ‚Herstellen’ und ‚Kopieren’ nur ein einziges Schriftzeichent, was in Myanmar, einem Land ohne Copyright-Gesetze, vermutlich nicht anders ist. Was bei der Kopie des Riesenrades jedoch irgendwie hinten runtergefallen sein muss, ist ein Antrieb, der das Teil schließlich dazu bringt, sich zu drehen.
Dieses Versäumnis bringt nun sieben durchtrainierte junge Männer ins Spiel. Mit flatternden T-Shirts und in weißen Fussball-Shorts klettern sie flink wie kleine Gibbon-Äffchen den gesamten Weg bis zur Spitze des Rades. Unnötig zu erwähnen, dass keiner der Kletterer auch nur im Ansatz gesichert ist. Die meisten haben aus Bequemlichkeit zum Klettern ihre Flip-Flops anbehalten!
Oben angekommen verharren die allesamt verwegen dreinschauenden Jungs kurz um klarzustellen, dass jeder Passagier sich für die Fahrt wappnet und irgendwie selbst sichert. Gurte? Sicherungsbügel? Fehlanzeige. Eine Minute des Zuredens vergeht, bis ich verstanden habe, was sie von mir wollen. Irgendwo festkrallen soll ich mich, notfalls an meinem Sitznachbar. Alle etwa 80 Leute auf dem Riesenrad lachen mit mir und über mich.
Dann geht es los. Die Musik wird noch einen Tacken lauter gedreht; wer hätte gedacht, dass es da noch Spielraum gibt? Es läuft Euro-Dance mit Myanmar-Gesang, bei jeder Kickdrum zittert das filigrane Gerüst des Riesenrads wie ein Greis bei einem Malariaanfall. Und schlagartig bewegen sich die Jungs nun auf ein Kommando alle gleichzeitig auf eine Seite des Rades und geben ihm so den nötigen Schwung. Erst denke ich noch kurz, es wird einfach direkt auseinanderbrechen, doch dann fangen wir tatsächlich an, uns zu drehen, und das auch noch erstaunlich schnell. Die Lichter des Jahrmarktes fliegen nur so durchs Blickfeld und die Haare der jubelnden Leute wehen im Wind. Mir scheint, diese Fahrt ist für die Einheimischen einer der raren Momente von Sorglosigkeit. Das außergewöhnliche Erlebnis scheint sie ihre harsche Lebensrealität einfach mal kurz vergessen zu lassen.
Ich habe Mühe zu erkennen, was die menschlichen Motoren nun tun. Erst als ich meinen Kopf in der Umlaufbahn des Rades mitdrehe, kann ich sie allmählich fixieren. Die Jungs kraxeln hin und her, um den Schwung und die Drehung noch zu verstärken. Dann seilt sich einer nach dem anderen ab. Manche an einer Hand hängend, manche kopfüber an ihren Beinen baumelnd, finden alle genau den richtigen Moment, um in der Nähe des Bodens lässig abzuspringen. Mir wird klar, dass diese Jungs das burmesische Äquivalent zu den prolligen Typen sind, die bei uns stehend auf den Autoscootern mitfahren. Der coolste von ihnen hängt noch immer an seinem muskulösen Unterarm und lächelt in die Menge, als das Rad nach etwa 3 Runden langsam wieder zum Stehen kommt. Vermutlich wird er es sein, der zum Ende des Jahrmarkts gegen 22 Uhr die meisten Mädels zum Händchenhalten überreden kann.
Erleichterung macht sich breit. Das Riesenrad ist weder umgestürzt noch auseinandergebrochen. Keiner ist rausgefallen, und selbst die Musikanlage krächzt nach wie vor im selben Pegel. Jetzt muss ich nur noch darauf warten, dass meine Gondel wieder unten ankommt, dann kann ich endlich aussteigen. Und dann aber schnell zurück zu meinem Instrument und einem kühlen Whisky Sour. Gitarre spielen mit ekstatischen Spaniern und quengelnden Deutschen beansprucht die Nerven doch deutlich weniger.
Aber dieses sehr archaische Gefühl der unsäglichen Freude, noch immer am Leben zu sein, und das für gerade mal 300 Kyat, also umgerechnet 21 Cent, das war doch alles in allem ein wirklich guter Deal. Mein Gesicht bietet vermutlich ein dümmliches Grinsen dar, als mir jemand aus einer über uns hängenden Gondel versehentlich seine Betelsäfte auf die Stirn rotzt. Doch sowas ficht mich momentan nicht an. Ich wische den roten Saft mit meinem Hemdsärmel weg und beteuere dem besorgten Spucker, die Attacke unversehrt überstanden zu haben. Dann entsteige ich der schwankenden, knarzenden Gondel.
Als ich zum Ausdruck meiner Erleichterung kurz so tue, als würde ich den von hunderten Füssen ganz plattgedrückten Grasboden küssen, lachen wieder alle über mich. Ich winke glückselig in die Menge und werfe mich ins Gedränge, wo ich den CD-Händler wachrüttele, um mir das neueste Myanmar-Eurodance-Album zu kaufen.
Marco Buch - 4. Feb, 22:07
Ein abgehalftertes Taxi spuckt mich an der Bootsanlegestelle aus. Sofort habe ich eine Schar Kinder in schmutzigen, zerrissenen Klamotten um mich, die mir lachend und gestikulierend folgen. Im Hafen laufen hunderte Menschen umher, ich sehe keine Langnase weit und breit. Dafür interessierte Blicke und Gesten allerorten. Selbst das grimmigste Gesicht zeigt mir ein Lächeln, wenn ich die Leute meinerseits lächelnd mit "Mingalabaa", meinem ersten Wort in der Landessprache Myanmars, begrüsse.
Ein alter Tabakverkäufer weist mir den Weg durch das betagte Schiff zu meiner Kabine im ersten Stock. Zwei ranzige Betten, ein Ventilator, die Scheiben sind mit Holzkeilen gesichert. Ich werfe meine Siebensachen hinein und verschliesse die Tür schnell mit meinem Miniaturvorhängechloss, dann steige ich wieder runter ins Gemenge. Drahtige, dunkle Menschen beladen den Bauch des Schiffes in einer atemberaubenden Geschwindigkeit mit Säcken, Fässern, Kisten, mit Holz, Stahl, Plastik, Gemüse und lebendigen Tieren. Ich beobachte das Treiben von einer metallenen Seitentreppe aus. Alle fünf Minuten will mir jemand etwas andrehen, Getränke, Obst, Rotis, Tabak. Eine kleine Verkäuferin von vielleicht zehn Jahren ist besonders hartnäckig. Sie schaut mich einfach nur unablässig an mit ihren grossen dunklen Augen und dem ebenmässigen Gesicht, die Wangen mit Tanaka, einer gelblich-weissen Paste aus Holzrinde, vor der Sonne geschützt, und fragt immer aufs Neue: "Water?". Obwohl ich schon zwei Flaschen habe, zahle ich ihr schliesslich einen Wucherpreis für eine dritte. Glücklicherweise merke ich später vor dem Trinken gerade noch, dass das Siegel gebrochen ist und ich sehr wahrscheinlich Leitungswasser, wenn nicht gar Flusswasser erworben habe. Dann kommt auch der Alte, der mir meine Kabine gezeigt hat, noch zum Zug. Nachdem er mich etwa 46 mal gefragt hat, erstehe ich eine halbvolle Packung Zigaretten, obwohl ich für diese als Nichtraucher so gar keine Verwendung habe.
Nach etwa einer Stunde legen wir ab; junge Männer lösen die schweren Knoten und springen dann im letzten Moment an Deck. Flussabwärts gleitet das alte Schiff nun durch das braune Nass in Richtung Westen. Ziel ist die Stadt Pathein, mitten im Delta des grossen Ayeyarwaddy-Stromes, der Reiskammer Südostasiens gelegen. Eine Schar Möwen folgt uns noch ein paar Kilometer weit und frisst begierig, was sie kriegen kann. Zunächst zieht der Moloch Yangun behäbig an uns vorüber, noch lange kann man die goldene Shwedagon-Pagode in der Ferne ausmachen. Dann wird es am Ufer nach und nach ruhiger. Kleine Bambushütten ersetzen die grossen Betongebäude, Palmen und Mangroven die Uferbefestigung. Fischer ziehen in schmalen Holzbooten an uns vorüber. Am sandigen Ufer baden Wasserbüffel, Kinder planschen nackt in den schlammigen Fluten. Grosse Gruppen weisser Vögel bevölkern die Baumkronen am Ufer und stieben auf, wenn die Kinder im Unterdeck des Schiffes klatschen.
An Bord stellt sich eine äusserst angenehme Ruhe ein; jeder hat sich damit abgefunden, dass die nächsten Stunden nur dem Transport von einem Ort zum anderen dienen. Eine Art Lücke in der Zeit, welche die Geschäftigkeit schlagartig einen Gang herunterschaltet.
Das gesamte Unterdeck ist voller Menschen. Vorsichtig muss man einen Fuss vor den anderen setzen, um den Wust aus schlafenden oder essenden Menschen, Tieren in Käfigen, Säcken, Kisten und Töpfen zu durchqueren. Wieder einmal zeigt sich in einer solchen Szenerie der buddhistische Gleichmut, wenn Menschen praktisch durch das Schlaflager eines anderen laufen. Kein böses Wort, nicht einmal ein mahnender Blick. Duldsam weicht jeder gerade so weit aus, wie er muss: nichts, worüber man gross reden müsste, und schon gar nichts, worüber es sich aufzuregen lohnen würde.
Ich bin völlig gebannt von der Stimmung an Bord und verbringe keine Minute mehr als nötig in meiner schimmligen Kabine. Oben an der Reling stehend weht mir eine erfrischend kühle Brise ins Gesicht. Das Boot blubbert gemächlich übers glatte Wasser des immer breiter werdenden Flusses, die unbarmherzige Sonne hat ihre Strahlkraft bereits deutlich verringert, und die rotglühende Scheibe beginnt nun langsam die Wipfel der Palmen zu berühren.
Die Menschen an Bord essen aus mitgebrachten, zusammensteckbaren Metalltöpfen, sie rauchen, sie spielen Gitarre oder Brettspiele. Säuglinge liegen in Tücher gebettet zwischen den Töpfen, Kleinkinder klettern in der Nähe der Reling rum. Alles, was nicht mehr gebraucht wird - Tüten, Essensreste, Betelspucke - wird kurzerhand über Bord in die Fluten geworfen. Über allem liegt eine fast meditative Ruhe, das gleichmässige Tuckern des mächtigen Schiffsaggregats trägt seinen Teil dazu bei.
Ich bin gerade im Begriff den Sonnenuntergang zu fotografieren, als mich einer der Mönche in den roten Roben anspricht, der Novize U-Do aus meiner Nachbarkabine. Nach ein paar Minuten interessierter Unterhaltung erzähle ich ihm von meinem Meditations-Retreat im goldenen Dreieck vor ein paar Jahren. Er berichtet mir seinerseits, dass er von einer Meditationsschule in Yangon kommt und mit einer 40-köpfigen Delegation zum Unterrichten im Flussdelta unterwegs ist. "Would you like to discuss meditation with the teacher?" Eine Frage, die wenige Antworten zuzulassen scheint. Bedächtig schlurfend führt mich der kahlgeschorene Mönch aufs Oberdeck, wo zwischen ordentlich aufgereihten Bastmatten zwei weitere Rotgewandete auf einem hölzernen Podest im Lotossitz ruhen und starr geradeaus schauen. Man platziert mich auf dem Podest neben den beiden und schenkt mir grünen Tee ein; in Zeitlupe wendet sich der Lehrer mir mit einem erhabenen Lächeln zu. Ich erfahre von ihm in gutem Englisch, dass er ein international angesehener Meditationslehrer ist, der viel um die Welt reist, um seine Lehre zu verbreiten. Nach dem Aufenthalt im Ayeyarwaddy-Delta gehe es schon bald in die USA.
Sehr behutsam und mit teils minutenlang scheinenden Pausen erklärt er mir, worum es bei der Meditation wirklich geht. Das Credo ist: "Only misunderstanding is true." Mit anderen Worten: Alles, was wir für wahr halten, ist nichts weiter als eine Illusion, entstanden durch die unvermeidliche Verfälschung durch unsere Sinnesorgane. Das, so sagt er mit Nachdruck, gelte es immer im Gedächtnis zu behalten. Ausserdem: Ohne Weisheit keine Mediation, ohne Meditation keine Weisheit. Mitten in der Unterhaltung schrillt sein Handy mit einem aufdringlichen Klingelton. Dies jedoch stellt für ihn offenbar keinen Widerspruch zu seiner Entrücktheit dar. Schnell handelt er das Gespräch ab, dann wendet er sich wieder mir zu und nimmt sich sehr viel Zeit beim Formulieren seiner Sätze. Beschwingt begebe ich mich nach einer halben Stunde Dharma-Talk wieder ein Deck tiefer.
Diese Flussreise ist wahrlich ein Abenteuer. Ich als einziger Westler auf diesem rostigen Schiff voller Menschen, die exotischer kaum anmuten könnten. Inmitten von kräftigen Gerüchen, die ich nicht einordnen kann, Lauten, die ich nicht verstehe, und Gesten, die ich nicht zu deuten vermag.
Ich frage unter Deck nach Essen, aber leider gibt es ausser Fischchips nichts zu kaufen. Ich akzeptiere diese jedoch als Abendessen, denn ich habe selbst leider nichts mitgebracht. Inmitten der Melange aus Menschen und Waren steht ein Mann und versucht lautstark etwas zu verkaufen. Ich werde neugierig, und versuche unter den Umstehenden herauszufinden, was er an den Mann und die Frau zu bringen versucht, aber niemand kann mich verstehen. Da sagt der Verkaeufer plötzlich laut zu mir gewandt: "Lotion for skin". In Sekundenschnelle drehen sich alle Köpfe der etwa 70 Menschen nach mir um und schauen mich staunend an, als hätten sie mich soeben erst bemerkt. Wer ist hier nun der Exot? Alles eine Frage der Perspektive.
Die Nacht ist angebrochen. An den Ufern leuchten grosse Feuer, der Geruch des Rauches weht übers Wasser. Lange Schwaden vor dem rötlichen Hintergrund, gespickt mit den Konturen von Palmen und hier und da einer Pagode, bieten ein fantastisches Panorama. Fischer sitzen mit blinkenden Lichtern in ihren Booten, die Netze weit ausgeworfen, geduldig auf ihren Fang wartend. Der Fahrtwind ist sehr angenehm, die Geschwindigkeit des Bootes bleibt stets die gleiche gemächliche. Es fühlt sich an, als habe ich mit dem Boot eine persönliche Freundschaft geschlossen.
An Bord schlafen nun die meisten; viele liegen in Positionen, die nicht gerade gemütlich anmuten, eingezwängt zwischen Gepäck und Reling, am Fusse der Treppen zum Oberdeck oder vor den Latrinen, die mit Flusswasser gespült werden.
Ich stehe an der Reling und mache absolut nichts. Ein Hochgefühl macht sich breit; das sind doch letztendlich die Momente, die man als moderner Reisender sucht: Einfachheit, Klarheit, Ursprünglichkeit.
Eine hübsche junge Frau spricht mich in Oxford-Englisch an. Deborah, eine Christin aus Yangon, ist unterwegs zur Hochzeitsfeier ihrer Schwägerin in einem Dorf im Delta. Da die Burmesen generell wenig reisen, sind sie sehr anfällig für Reisekrankheit in Bussen. So ist das Boot die etwas angenehmere Alternative, erzählt sie mir. Sie berichtet von ihrer Familie und ihrem Job als Haushälterin bei einem holländischen Unternehmer, der ihr astreines Englisch erklärt. Nach und nach gesellen sich noch mehr Familienmitglieder zu unserer Runde, erst die Nichte, dann die Tante, daraufhin noch entferntere Verwandte. Allesamt sind sie sehr liebenswürdig und wir quatschen uns einfach so durch die Abendstunden. Als sie erfahren, dass ich noch nichts zu essen hatte, geht ein regelrechter Aufschrei durch die Familie und man besorgt mir umgehend verschiedene Leckereien aus dem mitgebrachten Familienproviantkorb.
Stundenlang stehen wir an der Reling und reden über Gott und die Welt, während die Nichte und ihre Freundin leise Myanmar Hip-Hop Lieder singen und den Jungen auf dem Unterdeck verschämt Avancen machen. Ich schenke Deborahs Tante die Zigaretten, die ich zu Anfang der Reise erstanden habe, und so schliesst sich der Kreis auch hier. Nachdem ich eine Einladung zum Familientreffen in Yangon nach meiner Rückkehr aus dem Westen bekommen habe, gehe ich in meine Kabine und schlafe selig ein.
Im Morgengrauen erwache ich, und sehe gerade noch, wie Deborah und ihre Familie winkend das Boot verlassen. Dann beobachte ich eine Stunde lang aufmerksam, wie die Leute Waren ein- und ausladen, eine geölte Maschinerie aus kräftigen braunen Männern in Longyhis und Unterhemden. Sobald alles von Bord ist, kommt sofort die Heerschar von Verkäufern zum Boot gesprintet. Jeder will der erste sein, der den Passagieren seine gerade zuhause zubereiteten Speisen feilbietet. Ich kaufe ein paar frische Samosas, frittierte Gemüsetaschen, die köstlich schmecken. Plötzlich beginnt jemand unvermittelt, mir von hinten den Nacken zu massieren. Ich drehe mich leicht erschrocken um, und sehe ein altes hutzeliges Männchen, dessen Kraft in den Unterarmen im krassen Kontrast zu seiner Erscheinung steht. Ich lasse mich auf die Knetbewegung ein und geniesse die Auflockerung meiner Knochen nach den Stunden auf der harten Liege meiner Kabine, obwohl ich schon jetzt weiss, dass er dafür sicher ein Vermögen aufrufen wird.
Auch ist mir bereits klar, dass sich die Ankunft wohl um ein paar Stunden verzögern wird, denn den Hochzeitsort von Deborahs Familie hätten wir laut Fahrplan schon um 2 Uhr morgens erreichen sollen. In einer mir neuen, deutlich gedrosselten Geschwindigkeit gehe ich auf ein Neues aufs Unterdeck, wo es jetzt etwas geräumiger zugeht.
Während wir im Sonnenaufgang an Palmenhainen, Reisfeldern und goldenen Pagoden vorbeifahren, sitze ich am speckigen Holztresen des 'Bordrestaurants' und rühre mir in einer fleckigen Plastiktasse einen Instant-Kaffee an. Ein junger Mann will mit mir Whisky trinken, ich lehne dankend ab. Stattdessen winke ich einem der Betelnussverkäufer. Ich habe den Prozess bereits mehrfach beobachtet. Auf einem grünen Blatt wird eine Paste aus Limetten verteilt, dann streut man die zerstossene Betelnuss sowie etwas Kautabak darauf und faltet das Blatt sorgfältig. Die Menschen schieben sich diese Päckchen dann komplett in den Mund und kauen ausdauernd darauf herum, während sie ohne Unterlass den roten Saft ausspucken, der dabei entsteht. Nahezu jeder Mann und auch viele Frauen in Myanmar gehen diesem Hobby nach, wovon ihre roten Zähne und die mitunter blutroten Lippen zeugen. Doch dafür bin ich noch nicht bereit. Stattdessen erwerbe ich zum ersten mal eine Handvoll Cheroots, lange grüne Zigarren, die hauptsächlich von Frauen geraucht werden, für umgerechnet einen Cent das Stück. Ich paffe an der Reling stehend vor mich hin, und entlocke so dem Einen oder Anderen ein amüsiertes Laecheln.
Kuna, Tiuesto, Pota und Sua Sule, drei Jungs und ihre Mutter gesellen sich zu mir, als ich meine in Bangkok erworbene Gitarre auspacke und ein paar Lieder spiele. Daraufhin zeige ich ihnen meinen Reiseführer, und sie bringen mir bei, wie man die einzelnen Orte ausspricht. Der Kleinste lässt mich nicht eine Sekunde aus den Augen; jede meiner Bewegungen verfolgt er gebannt, als würde er ein wahrlich seltsames Wesen beobachten.
U-Do ruft mich von oben zum Lunch, und ich bekomme von der Meditationsgruppe tellerweise Huhn, Fisch, unidentifizierbare Saucen und den allgegenwärtigen grünen Tee aufgetischt. Die beiden Lehrer sitzen derweil erhaben auf ihrem Podest und lesen die internationalen Nachrichten in der Tageszeitung. Ich bedanke mich immerzu, aber man versteht offenbar gar nicht so recht, was es denn da zu bedanken gibt. Auf dem Weg nach unten nähert sich mir ein gebückt gehender Greis und schenkt mir zahnlos lächelnd zwei Kaffeebonbons. Es ist nicht das erste mal, dass mich die Freundlichkeit der Menschen hier fast zu Tränen rührt.
Unten trinke ich einen weiteren Kaffee, der Whiskytrinker hat sich seinen Schlaf nun offenbar endlich erkämpft und ist verschwunden. Eine Gruppe Menschen speist neben mir Reis und Currys, und bietet mir sofort etwas davon an. Ich habe Mühe, ihnen klarzumachen, dass ich schon von den Mönchen reichlich beschenkt worden bin, und beim besten Willen nichts mehr essen kann. Doch nach viel Lächeln und Gestikulieren bin ich irgendwann entschuldigt. Ich frage den Mann hinter der Theke und seine Mitarbeiter nach der voraussichtlichen Ankunftszeit und bekomme sehr unterschiedliche Angaben. Mittlerweile ist es mir jedoch mehr als egal, wann diese Fahrt zu Ende geht. Zeit ist ein wahrlich dehnbarer Begriff.
Gegen 17 Uhr laufen wir dann schliesslich in den Hafen von Pathein ein, das in Rauchschwaden gehüllt und mit mehreren in der Nachmittagssonne blitzenden Pagoden in einer Kurve des Flusses liegt. Gesagt hat man mir vor der Abfahrt, dass wir unser Ziel um 11 Uhr morgens erreichen würden. Durch ein Heer aus Fischerbooten bahnt sich der Dampfer einen Weg zur Anlegestelle, wo bereits eine stattliche Menschenmenge auf unsere Ankunft wartet. Ich schiebe mich vorbei an Lastenträgern und Körben, und besteige eine Fahrradrikscha ins Zentrum.
Die Frage nach der Weiterreise hat sich erst mal erübrigt, denn die Sonne macht sich bereits auf ein Neues auf den Weg in Richtung Palmenwipfel. Daher bleibe ich für eine Nacht in Pathein, dass sich als ein entzückendes Städtchen mit wahnsinnig gastfreundlichen Menschen entpuppt. Besonders die Reise dorthin jedoch werde ich so schnell nicht vergessen.
Marco Buch - 27. Jan, 22:03
"Das hier ist Burma, ein Land, dass anders ist als alle, die Du kennst", schrieb Rudyard Kipling 1898. Gehen heute zwar viele davon aus, dass Kipling nie selbst einen Fuss ins heutige Myanmar gesetzt hat, hätte er mit seiner Beschreibung richtiger jedoch kaum liegen können.
Ein kurzer Flug von Bangkok hat mich im Morgengrauen nach Yangon gebracht, bis vor ein paar Jahren Hauptstadt von Myanmar, dass man frueher unter dem Namen Burma kannte. Ich lasse mich von meinem netten Taxifahrer ins Zentrum der 4,5-Millionen-Stadt bringen und bestaune das ameisengleiche Gewusel auf den Strassen aus den offenen Fenstern. Vorbei die Zeiten klimatisierter Taxis, der Fahrtwind muss hier für die Kühlung genügen. In meinem Guesthouse steht die komplette 14-köpfige Belegschaft an der Rezeption Spalier, um mich willkommen zu heissen, und ich versichere mich zunächst einmal, ob ich den Übernachtungspreis richtig verstanden habe. Nur ein paar Minuten später sitze ich bereits bei einem sehr süssen milchigen Tee und einem länglichen Schmalzgebaeck inmitten einer unvergleichlichen Kulisse.
Die Teehäuser an jeder Ecke sind allesamt mit winzigen bunten Plastikstühlchen für ihre Kunden ausgestattet, die mehr oder weniger mitten auf der Strasse stehen. Der Boden ist an vielen Stellen rötlich verfaerbt vom ständigen Ausspucken der betelverliebten Burmesen. In den dunklen Eingängen der Häuser köchelt der Tee in grossen Metalltöpfen auf Holzkohlefeuern. Verkäufer preisen lauthals und in der immer gleichen Intonation schreiend ihre Waren an, während sie durch die Gassen voller Häuser im Kolonialstil schlurfen. Ist jemand interessiert, lässt er von seinem Balkon etwas Geld an einer Kordel herunter, an welcher im Gegenzug die gewünschte Ware sodann nach oben befoerdert wird.
Die Nebenstrassen haben keine Bürgersteige, alle Menschen laufen auf der Strasse. Kommt ein Auto, hupt es kurz – man möchte fast sagen ruecksichtsvoll – und der Tross Menschen weicht mal eben in eine Parklücke aus, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Insgesamt wirkt der Verkehr wie ein komplexes organisches Gebilde, dass keinen grossen Regeln zu folgen scheint.
Alles ist alt und kaputt: Von den Häusern blättert der bunte Putz, die Balkone scheinen oft nur noch von einem heiligen Haar gehalten wie der goldene Felsen von Kyaikhtiyo, die trotz Rechtsverkehrs zumeist rechtsgelenkten Autos pfeifen lautstark auf dem letzten Loch, die Strassen sind nurmehr ein Flickenteppich aus Löchern und unebenen Betonplatten. Vom Zahn der Zeit angefressene koloniale Prachtbauten künden vom einstmals luxurioesen Ambiente der Stadt. Nur die Menschen sehen fast alle aus wie aus dem Ei gepellt. Sie sind deutlich dunkler als in Thailand, viele sind Nachkommen der grossen indischen Bevölkerung unter englischer Kolonialherrschaft. Fast alle Männer tragen Longhyis, Wickelröcke wie in Indien. Und sie lächeln einen unverhohlen und voller Faszination an, in der Regel ohne damit einen Hintergedanken zu verfolgen. Viele Leute telefonieren, wobei sie beim Sprechen das Telefon stets an den Mund halten wie ein Funkgerät, um es dann ans Ohr zu führen, um die Antwort verstehen zu können. Die Geräuschkulisse in dieser Stadt ist genauso extrem wie die Hitze und der Überfluss an Eindrücken, die dem Auge geboten werden. Jede Beschreibung einer hier ganz gewöhnlichen Strassenszene kann nur im Ansatz das wiedergeben, was man empfindet, wenn man persönlich mittendrin steht.
Die Bewohner Yangons gehen Berufen nach, die es in dieser Art bei uns nicht gibt. So steht etwa alle 3 Meter ein Stand, an dem jemand seine Waren feilbietet. Obst, Frittiertes, Haushaltsgegenstände, Schuhe, Zigaretten, Betel, Viagra, ... . In winzigen Nischen zwischen zwei windschiefen Gebäuden verkauft man Medikamente, direkt nebenan sitzen Frauen mit 3 Telefonen auf einem Campingtisch, von dem aus ein Kabel in den Bäumen der Allee verschwindet. Diese Telefonzentralen ersetzen die Telefonzelle. In den Strassen scheinen die einzelnen Berufsgruppen jeweils thematisch zusammengefasst zu sein. So laufe ich beispielsweise durch eine Strasse, in der Leute ausschliesslich damit beschäftigt sind, Hausnummern und Firmenschilder herzustellen, wohlgemerkt per Hand und Laubsäge.
Vor nahezu jedem Geschäft steht ein grosser, lärmender Generator, da die Hauptstromversorgung im Stundentakt ausfällt, und ohnehin nur zu bestimmten Stunden gewährleistet ist. Der Hoteldirektor erklärt mir, dass sich der Stromverbrauch in den letzten 10 Jahren um das 80-fache erhöht hat! Ein Bedarf, den das Stromnetz schon lange nicht mehr decken kann. Und so improvisieren die Menschen einfach wo sie nur können, wie ich es später noch so oft sehen werde.
Nur sehr selten begegnen mir in den Strassen und Gassen Chinatowns und rund um die Sule-Pagode Touristen, ja, so selten gar, dass man einander in solchen Momenten konspirativ grüsst; mit einem Gesichtsausdruck, der dem anderen klar macht, dass auch man selbst sich fühlt, als waere man nicht ein Land weiter, sondern auf einen anderen Planeten geflogen worden.
Ich laufe in Richtung Fluss und kämpfe mir einen Weg durch den stinkenden, bruellenden Verkehr. Ich folge dem Beispiel der Einheimischen und gehe einfach immer dann, wenn sich eine Lücke im Verkehr auftut. Zebrastreifen sind reine Makulatur, Ampeln nicht mehr als Ratschläge, die man eher ungern annimmt.
Schnell lerne ich in der unerbärmlichen schwülen Hitze Uncle Khaing kennen, einen charismatischen alten Mann mit grauen Haaren, die er zu einem Zopf hochgesteckt trägt. Er ist Englischlehrer und City-Guide in Yangon, und er hat ein Notizbuch voller Empfehlungen ausländischer Touristen. Seine herzerweichende Freundlichkeit und sein astreines Englisch überzeugen mich, ihn fuer einen Tag als Führer durch diese verrückte Stadt zu buchen.
Im Laufe des Tages führt er mich zu verschiedenen ehemaligen Prachtbauten rund um die Sule-Pagode im Zentrum, so auch zum Strand Hotel, der zu Kolonialzeiten berühmtesten Absteige für die feine, weisse Oberschicht in ganz Südostasien. Von dort springen wir auf einen gerade anfahrenden überfüllten Menschentransporter und fahren zum Tempel, an dem seinerzeit die 4 Haare Buddhas angeliefert worden sind, denen zu Ehren damals die Shwedagon-Pagode gebaut worden ist. Nach ein paar Keksen aus Klebreis, einem Reispfannkuchen und einer nur so hinuntergestürzten Flasche Wasser ziehen wir weiter zur liegenden Buddha-Statue, einer etwa 40 Meter grossen goldenen Darstellung des Buddhas im Moment seiner Erleuchtung.
Viel interessanter jedoch als die Sehenswürdigkeiten finde ich die Informationen, die mir der Uncle – wie ich ihn nennen soll – zwischen den Stops einstreut, sowie die Einblicke in die burmesische Kultur, die er mir vermittelt. So etwa erklärt er mir, warum man in der Stadt keine Mopeds zu Gesicht bekommt. Man hat diese vor ein paar Jahren schlichtweg per Gesetz verboten. Oder der Grund dafür, dass es kaum Strassenhunde gibt: Diese werden aufgrund der mit ihnen verbundenen Gefahren regelmässig vergiftet. Überall sieht man jedoch Leute sitzen, die in Pappkartons Welpen für Privatleute zum Kauf offerieren.
An einem Tempel bietet mir jemand an, ein paar Voegeln aus einem Käfig die Freiheit zu schenken, was in der Konsequenz Glück bringen soll. Ich kenne das jedoch bereits aus Thailand und weiss, dass die Vögel nach einer Viertelstunde bereits wieder zurueck in ihrem Käfig sein werden. Khaing erklaert mir warum: Dem Futter dieser Voegel wird stets ein wenig Opium beigemischt. Es ist die Sucht, die sie in ihre Gefängnisse zurückfliegen lässt!
Der Onkel erklärt mir auch die höflichen Gepflogenheiten in Myanmar. Bei der Begrüssung fragt man sich immer zuerst nach der Gesundheit. Unmittelbar darauf erkundigt man sich, ob der Gesprächspartner denn schon gegessen hat. Sollte das nicht der Fall sein, wird er umgehend und aufrichtig zum Essen eingeladen.
Khaing und ich gehen unsererseits essen bei seiner Lieblingsköchin in einer kleinen Garküche, die in der Nähe seiner Sprachschule in Chinatown liegt, und objektiv betrachtet nicht mehr als eine Höhle aus Beton ist. Gewissenhaft säubert er mein Geschirr vor dem Essen mit heissem Wasser. Ich wähle aus einer Vielzahl an Gerichten in alten, abgestossenen Toepfen einige aus, und alles schmeckt vorzüglich, auch wenn ich nicht sagen kann, was ich da gerade esse. Sollte ich, ohne es zu wissen, bereits den Salat gegessen haben, den man aus ein Jahr im Boden vergrabenem grünem Tee herstellt? Die Leute schauen mir aus grossen Augen beim Essen zu, auf der Strasse geht man unterdessen seinem Tagewerk nach. Der Platz in der Garküche bietet eine gern genommene Erholung vom Wahnsinn, der draussen auf der Strasse herrscht. Noch von drinnen hört man die brachialen Geräusche der uralten Maschinen, die Schreie der Verkäufer und Fahrradrikschafahrer, und das unablässige Dröhnen der Generatoren.
Nach dem Essen schlürfen wir zur Verdauung chinesischen grünen Tee, stets mit einem braunen Klumpen Palmzucker im Mund, der bei der Verdauung helfen soll.
Nach einem kurzen Schläfchen vor dem Ventilator im Hotelzimmer treffe ich den Uncle wieder. Es geht zum Sonnenuntergang ins grösste Heiligtum des Landes, die atemberaubende Shwedagon-Pagode. Von fast jeder Ecke der Stadt kann man den 100 Meter hohen Stupa der bombastischen Pagode bereits erspähen, der mit 10 Tonnen Gold verkleidet ist, und dessen Spitze verschiedene Edelsteine kroenen. Steht man aber dann direkt davor, inmitten der weitreichenden Tempelanlage auf 60.000 Quadratmeter, wird man plötzlich sehr ehrfürchtig.
Fast drei Stunden dauert unser Rundgang und Khaing erklärt mir viele der Buddha-Darstellungen, Glocken, Tempel, sowie die Statuen, die unterschiedliche 'Nats' verkörpern, Geister, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Weg aus den Naturreligionen in den hiesigen Buddhismus gefunden haben. Immer wieder zerrt und zupft er mich in die richtige Position, damit ich die Rubine, Saphire und Diamanten in der untergehenden Sonne auf der Spitze des Stupa aufblitzen sehen kann. Sehr interessant finde ich hierbei, dass sowohl der Tsunami 2004 als auch der Wirbelsturm Nargis 2008 eine Verschiebung der Edelsteine bewirkt haben. Der Uncle erklaert mir, dass die besten Punkte zur Beobachtung davor an ganz anderen Stellen gelegen haben.
Die Menschen, Einheimische wie Touristen, umkreisen den 100 Meter hohen Stupa drei mal im Uhrzeigersinn, verweilen an verschiedenen Stellen zum Beten und Meditieren, oder sitzen einfach nur auf den von der Sonne noch warmen Fliesen und geniessen die aussergewöhnliche Atmosphäre dieses heiligen Ortes. Tatsächlich pilgern zu diesem Platz nicht nur Burmesen, sondern Buddhisten aus aller Herren Länder.
Mit schmerzenden Füssen und einem dünnen Film aus Schmutz und Schweiss auf der Haut verabschiede ich mich am Abend erschöpft vom Uncle und ziehe mich in meine nach süssem Schimmel und Abwasser riechenden Gemaecher zurück, um mich zunächst der Zerschlagung des Kakerlaken-Kartells zu widmen. Zwar hat der Onkel mir angeboten, mich am nächsten Tag noch zu einem Schamanen zu führen, aber ich brauche erst mal eine Auszeit von der Überdosis an Informationen. Jedoch werde ich wohl am Ende meiner Reise auf sein zweites Angebot zurückkommen. Er will mir nämlich auch noch ein Kloster zeigen, in dem ein Mönch sitzt, der bereits vor 100 Jahren gestorben ist, aber gar nicht daran denkt zu verwesen. Interessanterweise steht dieser absurde Schauplatz schon seit Jahren auf meiner To-Do-Liste. Nur wusste ich nie, wo er denn eigentlich liegt… .
Ohne Strom gibt es im Hotel weder Klimaanlage noch Ventilator. Als ich anderntags aufwache, kann ich mich kaum an meinen Vornamen erinnern, so gerädert bin ich von der unnachgiebigen Hitze. Es ist, als hätte ich in einer finnischen Sauna übernachtet. Sofort verspüre ich den unerklärlichen, aber sehr starken Drang, die Stadt ohne grosse Umschweife zu verlassen. Nachdem ich beim Geldwechseln bei den Edelsteinhändlern in der Markthalle noch gründlich übers Ohr gehauen werde und fast in einen Krater in der Strasse gefallen bin, steht der Entschluss dann fest. Ich schnüre mein Bündel aus alten, mit Tesafilm zusammengehaltenen 1000-Kyat-Scheinen und wandere durch Chinatown zielstrebig runter zum Fluss, um in einem Bretterverschlag eine Kabine auf einem Boot in Richtung Golf von Bengalen zu buchen. Ich bin voller Vorfreude und genehmige mir vor der Abfahrt noch einen weiteren Milchtee, einen von vielen, die noch kommen werden.
Marco Buch - 25. Jan, 22:00